»Man folgt nicht den Anordnungen eines Patienten. Schöne Migräne! Ein Fieber von neununddreißig acht …«
»Herr Doktor, die Gräfin liebte ihr Kind abgöttisch …«
»Aber sie war eine kerngesunde Natur. Ich kenn' sie seit lange. Ihr Zustand weist noch auf andre Ursachen …«
Somsdorff nickte gedankenvoll.
»Ist ernste Gefahr vorhanden?« fragte er leise.
Doktor Michalsky zog seine Schultern hoch.
»Wir müssen das abwarten. Vorläufig bin ich noch meiner Diagnose nicht sicher. Jede Faser an ihr scheint in Aufregung. Ich habe Chloral verschrieben. Peinlichste Ruhe im ganzen Schlosse ist Hauptbedingung! Eins noch: Sorgen Sie doch dafür, daß dies Fräulein – wie heißt sie doch, Gertrud – sofort abreist! Gräfin Adele macht diese Dame – ob nun mit Recht oder nicht, ist hier vollständig gleichgültig – für das Unglück verantwortlich, und ergeht sich in Drohungen … O, Sie kennen das eigentümliche Temperament der Gräfin nicht! Allen Respekt vor dieser machtvollen Energie! Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen … ja, ja, man sieht's ihr nicht an … Und nun jetzt in diesem Zustand maßloser Ueberreiztheit! Item, ich halte es für geboten, das Fräulein auf irgend eine diskrete Art zu verständigen. Sie darf nicht im Haus bleiben! Man soll nicht einmal von ihr reden!«
»Aber das Fräulein trägt ebensowenig Schuld an der Katastrophe als Miß Harriet! Die Kleine ist ihrer Erzieherin einfach davongelaufen; je ängstlicher Miß Harriet sie anrief, desto entschiedener folgte sie dem Drang ihres Uebermuts. Fräulein Mettenius vollends hatte nicht die geringste Autorität über das Kind.«
»So!« nickte der Arzt. »Nun, später kann man die Sache ja aufklären. Vorläufig muß ich aber bei meiner Bitte verharren. Ich vertraue Ihrer Geschicklichkeit, Herr von Somsdorff. Dieses Fräulein Mettenius scheint mir überhaupt ein recht ungeeigneter Gast für ein Krankenheim …«
Er drückte dem jungen Manne die Hand und empfahl sich.