Sie überlegte.

»Ob ich jetzt gleich von Adele Abschied nehme?«

»Das dürfen Sie überhaupt nicht. Die Kranke versucht zu schlafen. Der Arzt hat streng untersagt …«

»So werd' ich Miß Harriet bitten, ihr meine Grüße zu sagen! Die arme Adele! Wer hätte das heute früh wohl geahnt! Es ist geradezu fürchterlich! Wenn man bedenkt … es wäre noch Zeit gewesen …«

»Zeit? Wozu?«

»Ach, nichts! Es fuhr mir so durch den Kopf …! Sie entschuldigen mich, Herr von Somsdorff, ich muß meinen Koffer packen! Wenn Sie die Güte hätten, dem Kutscher Befehl zu erteilen, daß er Punkt neun Uhr vorfährt …«

Somsdorff machte ihr eine Verbeugung.

»Danke sehr!« lispelte Gertrud.

Noch einmal warf sie ihm einen prüfenden Blick zu. Es war, als forsche sie in dem bleichen Gesicht nach einem Zuge von Scham oder Schuldbewußtsein. Jeder war sich ja selbst der Nächste, – und der geübteste Schwimmer konnte Malheur haben. Indes – die starre Unthätigkeit, die Somsdorff im entscheidenden Augenblick, trotz des Schreiens der Gouvernante und trotz ihrer eigenen Angst- und Weherufe an den Tag gelegt, schien doch gar zu empörend! Daran änderte selbst die Entschlossenheit nichts, die er damals im Kampf mit dem rasenden Sechzehnender bekundet hatte. Es war einfach unmännlich, erbärmlich und herzlos. Nur der Leichtblütigkeit ihrer sprudelnden Jugend verdankte er's, wenn sie noch überhaupt mit ihm sprach. Sie vergaß und verschmerzte so leicht; die Eindrücke hafteten nicht, wenn nicht ihr eigenes Ich unmittelbar daran interessiert war …

Der Blick, mit dem sie das Antlitz des jungen Mannes durchmustert hatte, blieb resultatlos. Nie glich Somsdorff dem überlieferten Ideal eines Diplomaten so völlig wie jetzt. Alles war unergründlich an ihm und leblos. Der Widerwille, den Gertruds naiv-kindischer Egoismus ihm einflößte, lieh ihm die Kraft, ihr gegenüber noch mehr als in den kurzen Gesprächen mit dem Arzte seine Gemütsbewegung zu meistern.