Als Gertrud ihr Zimmer betrat, weilten ihre Gedanken schon vollständig bei Friedrich von Steinitz. Die Hoffnung, ihn ehestens wiederzusehen, nahm ihr die Fähigkeit, über Leo von Somsdorff und sein Verhalten irgendwie nachzugrübeln. Friedrich hatte ausführlich geschrieben – zehn Seiten lang – und die Hälfte des Briefes handelte von Groß-Nieder-Wartha. Es lagen hier so hochwichtige Fragen der künftigen Einrichtung vor, daß Gertrud sich die kleine Kaltherzigkeit nicht verübelte, mit der sie vom Krankenlager Adelens und von dem Totenbette der kleinen Josefa den Uebergang zu japanischen Möbeln und echt persischen Teppichen fand …
Punkt neun stand der gräfliche Wagen am Schloßportal. Der Graf, den Somsdorff über die Situation verständigt hatte, reichte der jungen Dame die Hand und half ihr beim Einsteigen, während der Diener das letzte Gepäckstück auflud. Sonst war niemand zugegen. Fräulein Mettenius hielt es für schicklich, ihr Taschentuch an die Augen zu führen, dem Grafen noch einmal ihr tiefstes Beileid zu stammeln und ihm viel tausend zärtliche Grüße an ihre heißgeliebte Adele aufs Herz zu binden.
So fuhr sie hinaus in die dämmernde Sommernacht.
Achtes Kapitel.
Am neunundzwanzigsten Juni wurde Josefa auf dem nahegelegenen Frohnheimer Kirchhof zur ewigen Ruhe bestattet. Der Pfarrer von Hoyersbrück, als Freund der Familie, der auch die Kleine getauft hatte, hielt eine warme und ehrlich empfundene Ansprache. Die Worte des Geistlichen wirkten auf Somsdorff wie schreckvolle Anklagen, die er nur mühsam entkräften konnte. Er hatte das Kind einfach ertrinken lassen: dieser abscheuliche Vorwurf, an sich eine Unwahrheit, nahm doch für ihn den Charakter der Wahrheit an, sobald er sich in die Stimmung der letzten paar Tage zurückversetzte. Das fürchterliche »Hätt' ich's geahnt!«, die verwerfliche Reue über die einzige That seines Lebens, auf die er bis jetzt vielleicht Grund hatte, stolz zu sein – kurz, die ganze Gehässigkeit, die ihn erfüllt hatte, trat ihm noch täuschender als zuvor im Gewand einer ursächlichen Verknüpfung mit dem Tode Josefas entgegen und raubte ihm angesichts der geöffneten Gruft beinahe die Fassung.
Gräfin Adele war am Tag der Beerdigung nicht bei klarem Bewußtsein. Gegen Abend begann sie zu delirieren. Die Balustraden des Parkteichs und die Geschichte vom Sturmvogel, die Miß Harriet erzählt hatte, spielten im rastlos wirbelnden Chaos ihrer Phantasmen die Rolle von Angelpunkten. Immer wieder sah sie das Kind über die Brüstung klettern, hinabstürzen, vom Sturmvogel gespießt und zerhackt werden, bis dann fremdartige Momente dazwischentraten. Der wirkliche Schauplatz des Unheils, der Fluß mit seinen buschverhangenen, steil abfallenden Ufern, schien aus ihrem Gedächtnis hinweggetilgt.
Am dreißigsten Juni kam ein prächtiger Kranz von Gertrud, begleitet von einer Zuschrift, in der sie dem gräflichen Ehepaar nochmals ihr tiefstes Mitgefühl und die Unwandelbarkeit ihrer Freundschaft beteuerte.
»Ein böses Vorzeichen, Gott behüte uns!« sagte das Kammermädchen, als sie den Kranz über den Arm hing, um die verspätete Gabe nach dem Frohnheimer Friedhof zu tragen.
»Wie so?« fragte Leo von Somsdorff.