Graf Gerold hatte sich seit der Rückkehr von dem Grab seines Töchterchens mit verdoppelter Wucht auf den jüngsthin vernachlässigten Artikel für die »Minerva« gestürzt und ihn nach zweimal siebenstündiger Arbeit glücklich vollendet. Nun sollte sich Herr von Somsdorff über das schwer zu enträtselnde Manuskript hermachen und dem Verfasser ein offenes Urteil sagen.

Somsdorff willfahrte ihm. Der Aufsatz war pedantisch in der Form und inhaltlich überladen, aber vielleicht für ein gewisses Publikum, das gerne mit archäologischen Kenntnissen prahlt, recht geeignet. Somsdorff, zu ernster Kritik nicht aufgelegt, wohl auch gar nicht befähigt, lobte die Arbeit mit einigen wenig charakteristischen Schlagwörtern, die dem Herrn Grafen indes vollauf genügten.

Nunmehr begannen die Vorstudien für eine zweite, umfangreichere Monographie, bei denen der Graf den Wunsch verspürte, mit »Gleichgesinnten« über die Fragen, die ihn beschäftigten, ernste Debatten zu spinnen. Mehrmals wurde der Pfarrer von Hoyersbrück zu Gaste gebeten. Somsdorff mußte wohl oder übel den breiten Erörterungen Gerolds mit dem geistlichen Münzkenner beiwohnen und sich mit ins Gespräch mischen, obschon die Probleme, die hier aufs Tapet kamen, ihn jetzt gerade am wenigsten interessierten.

Freilich, daß sich der Graf so geflissentlich einbohrte, das begriff sich. Die Numismatik war jetzt für Gerold von Authenried die erlösende Göttin: sie lenkte ihn wohlthätig von der Betrachtung seiner gestörten Häuslichkeit ab. Er mochte das Kind in seiner Art doch wohl geliebt haben. Seit dem Tag des Begräbnisses haftete ihm eine sonderbare Gebärde des Suchens an. Er, der sonst sehr wenig nach der Kleinen gefragt hatte, schritt jetzt häufig mit einer gewissen Unruhe von Gemach zu Gemach, und kehrte dann mürrisch und dumpf in sein Gelehrtenzimmer zurück, wo er mit Vorliebe auch den Abend verbrachte. In den Salons vermißte er augenscheinlich das Walten Adelens. Er hatte sich, wie er einmal zu dem Geistlichen sagte, gar zu sehr an die Frau gewöhnt. Man sollte das nicht. Man wurde ja so ein Sklave der äußeren Verhältnisse. Dabei aß und trank er jedoch mit gewohntem prächtigen Appetit und fand, wie gesagt, die Probleme der Münzwissenschaft, in der er doch nur dilettierte, mit jedem Tage erbaulicher und für das Gesamtwohl der Menschheit bedeutungsvoller.

Nach Verlauf einer Woche war Leo von Somsdorff mit seiner Geduld fertig. Er konnte die drückende Atmosphäre, die über Schloß Authenried lastete, nicht mehr ertragen. Trotz der dringenden Bitte Gerolds, der ihn »so nötig« hatte, bat er um Urlaub. Was sollte er noch in diesen vereinsamten, lichtlosen Räumen? Seine Leidenschaft für die Gräfin hatte, so glaubte er, eine seltsame Wandlung erfahren. Der Tod des Kindes, der da, vom Standpunkt einer gefühlsarmen Logik betrachtet, nur die Hinwegräumung eines Hindernisses bedeutet hätte, schien ihm den letzten Schimmer der Hoffnung endgültig zu vernichten. Die Mutter, die der Gram um den Verlust ihres Lieblings beinah getötet hatte, stand nun auf einer Höhe, zu der ein profaner Wunsch nicht mehr heranreichte. Die Erinnerung an die Verstorbene mußte bei einer Natur von der seelischen Tiefe Adelens eine noch machtvollere Wirkung ausüben, als früher des Kindes lebendige Gegenwart.

Er reiste also.

Zunächst in die Schweiz; im Frühherbst nach den italienischen Seen; Anfang Oktober zurück in die Hauptstadt, wo er sein glänzendes Junggesellenheim in der Boliviastraße bezog.

Von Graf Authenried hatte er ab und zu Nachricht erhalten. Schon im September erfuhr er, daß Gräfin Adele soweit genesen sei, um die letzten paar Wochen vor Eintritt der rauheren Jahreszeit möglichst abgeschieden im Harz zu verbringen. Doktor Michalsky hatte dort, unweit von Osterode, ein Dörfchen entdeckt, das, reizend gelegen, vom großen Strom der Touristen und Badegäste kaum noch bespült worden war …

Beim Empfang dieser Botschaft ward Leo von einer plötzlichen Unrast bewegt. Fast stand er schon im Begriff, seinen Koffer zu packen; aber ein machtvoller Instinkt hielt ihn trotzdem in zwölfter Stunde zurück. Das dumpfe Dahinleben, dem er sich seit seiner Abreise von Schloß Authenried-Poyritz willenlos überlassen hatte, war für ihn Balsam gewesen im Vergleich mit den Stürmen, die ihn dort beinahe zu Boden geschleudert. Er wollte die mühsam erkämpfte Ruhe nicht zwecklos gefährden. Noch war er, nach seiner Meinung, nicht stark genug.