Nachdem er sich in der Hauptstadt kaum wieder eingebürgert, ward ihm die überraschende Kunde, der Graf und die Gräfin würden im Laufe des Monats November dort eintreffen, um sich für immer daselbst niederzulassen. Gräfin Adele könne sich absolut nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie im künftigen Sommer wieder das Schloß und den Park beziehen solle, wo sie so Schweres erlebt habe. Das Anwesen sei veräußert. Als Ersatz dafür gedenke Graf Gerold im Harz eine Villa zu kaufen. Die Wald- und Bergluft thue seiner Gemahlin besonders gut, wie ja der Augenschein lehre. Die Gräfin beginne jetzt wieder aufzublühen, auch hier und da ein Interesse zu zeigen. Sie habe sich anfänglich gegen die Hauptstadt gewehrt. Doktor Michalsky jedoch bestehe darauf. Jetzt, nachdem sie sich soweit erholt habe, seien Zerstreuungen ihr so nötig wie's liebe Brot. Wenn sie auch – selbstredend – der eigentlichen Geselligkeit zunächst fremd bleibe, so müsse sie doch alle verfügbaren Hebel ansetzen, um ihren Geist von der Vergangenheit abzuziehen. Sie solle Theater und Vorlesungen besuchen – Konzerte weniger, da die Musik leicht im entgegengesetzten Sinn wirke. Ja, schon ein Gang durch die menschenbelebten Straßen, ein Vorüberschlendern an den Auslegefenstern der Magazine sei ihr von Nutzen. Die Gräfin habe dem Grafen seltsamerweise den Vorschlag gemacht, dann doch lieber nach Wien, Paris oder Neapel zu gehn. Er aber tauge nicht für die Fremde. Er wurzle zu sehr im Deutsch-Nationalen, wobei, wie er nicht leugne, der Umstand, daß er mit Leo so angenehme Beziehungen habe, mit in die Wagschale falle.

Leo von Somsdorff spürte an seinem Herzklopfen, daß er sich schmählich getäuscht hatte, wenn er die aussichtslose Neigung zu Gräfin Adele verwunden glaubte.

Er las die enggeschriebne Epistel des Grafen zwei-, dreimal durch, als müsse er irgendwo ein Symptom entdecken, das da zu gunsten seiner jetzt neu erwachenden Sehnsucht sprach. Der flüchtige Schimmer von Hoffnung, den er in dem Umstand gewahrte, daß Gräfin Adele sich gegen die Uebersiedelung nach der Hauptstadt gesträubt hatte, brachte ihn so von Sinnen, daß er den Brief des Mannes, den er so schnöde zu täuschen trachtete, wie ein köstliches Billetdoux an die Lippen drückte. Er besaß keine Empfindung mehr für die Widerlichkeit des Kontrastes zwischen dem Sinn dieser unwillkürlichen Liebkosung und der falschen Adresse, an die sie gelangte. So eingehend und scharmant, wie diesmal, hatte der Graf kaum je an Somsdorff geschrieben. Er mußte wirklich für Leo eine Art Faible, wenn nicht gar Freundschaft fühlen. Desto unerbaulicher blieb die Thatsache, daß Leo nach so monatelanger Depression, die nicht arm gewesen an Stunden sittlicher Selbsterkenntnis, nun so plötzlich wieder im alten Strome schwamm.

Ende November hatte der Graf sich vollständig installiert, und nun begann ein Verkehr, der sich von dem auf Schloß Authenried-Poyritz nur durch eine gewisse Feierlichkeit des Tones, eine gemessene Vorsichtigkeit des Auftretens unterschied, wenigstens was die Gräfin und Leo von Somsdorff betraf. Es war, als liege noch immer ein Kranker im Haus, den man durch allzu geräuschvolles Offenbaren gewisser Gedanken und Regungen stören könne. Uebrigens wurde der gräfliche Numismatiker äußerlich in diese Gedämpftheit des Tons mit hineingezogen. Wenn er aus einer englischen oder französischen Revue eine Notiz vorlas, eine Studie über das Vorkommen altrömischer Münzen auf Ceylon oder ein kurzes Essay über die Prägeanstalten Venedigs, that er dies weder so laut, noch so eindringlich als bisher; auch heischte er nicht so despotisch die hingebungsvolle Aufmerksamkeit Leos, der seinerseits fast noch zerstreuter war, als an dem Morgen des Unglückstages bei der Vorlesung des Athenäumartikels.

Außer Leo von Somsdorff verkehrten nur wenige und dazu seltene Gäste im Hause des Grafen. Adele verspürte noch durchaus keine Neigung zu repräsentieren. Um so öfter besuchte sie die großen Theater, zumal wenn Schauspiele und Konversationskomödien in Scene gingen, während sie vor der Tragödie eine mit ihrem früheren Geschmack nicht vereinbare Abneigung hegte.

Von Gertrud hatten die Authenrieds noch im Harz die Vermählungsanzeige erhalten und dann nichts weiter gehört, als daß die neugebackene Freifrau von Steinitz nach einer kurzen Hochzeitreise in Groß-Nieder-Wartha gelandet war und nun das prächtig eingerichtete Herrenhaus total auf den Kopf stellte. Es mußte nach dem, was dem Grafen zufällig durch einen Vetter zu Ohren kam, eine ganz tolle Wirtschaft sein, lustig und farbig, ein perpetuierlicher Karneval. Die Nachbarn trieben es übrigens gerade so. Die Mehrzahl der dortigen Grundbesitzer hauste auch während des Winters auf ihren Gütern; sie gaben Fest über Fest, so daß die Landstraßen von den hin und her fliegenden Karossen und Schlitten nicht leer wurden.

»Um so besser!« sagte der Graf zu Leo. »Es wäre fatal gewesen, hätte das junge Paar sich etwa hier in die Hauptstadt verirrt. Meine Frau spricht ja nicht weiter davon; aber ich weiß positiv: sie hat eine förmliche Idiosynkrasie gegen die vormalige Pensionatsfreundin.«

Gräfin Adele »sprach nicht weiter davon«. Sie sprach überhaupt nicht von der Vergangenheit. Ihre Beziehungen zu Leo von Somsdorff trugen jetzt wirklich den Charakter einer stillen, sturmlosen Sympathie. Er las ihr vor, wenn der Graf, wie dies nicht selten geschah, »fachwissenschaftliche« Briefe schrieb oder im Klub ein paar Stunden lang Poker und Baccarat spielte. Zum Abendthee – Punkt neun Uhr – war er dann spätestens wieder zurück und bedankte sich mit überhöflichem Eifer bei seinem »Freund«, der sich so »ehrlich bemühte«, die junge Frau zu zerstreuen und aufzuheitern.

Somsdorff hatte bei diesen Redensarten die klare Empfindung, als ob der Graf ihn verspotte. Das Blinzeln, das ihm gelegentlich über die Wimpern flog, schien halb Mitleid, halb Ironie zu sein.

»Du armer, dummer, verliebter Kerl« – so legte sich Somsdorff dies Blinzeln zurecht – »du bildest dir ein, durch solche Aufmerksamkeiten und Ritterdienste ihr Herz zu erobern! Ja, wenn sie anders wäre! Siehst du, ich bin so ruhig, so ruhig! Während du deine Zwecke zu fördern glaubst, förderst du nur die meinen! Du hilfst, ihre Gedanken von dem ewigen Weh der Erinnerung ablenken! Du trägst so mit dazu bei, daß sie endlich wieder in jenen normalen Gemütszustand kommt, der leider Gottes für mein Behagen so nötig ist!«