Ehedem hätte Somsdorff bei dieser Erkenntnis getobt. Jetzt war er mit dem Gefühl peinvoller Demütigung, das ihn heimsuchte, schnell fertig. Es hatte so kommen sollen. Vielleicht war das nur die gerechte Strafe für seine Thorheit, die immer noch halb an der sündigen Hoffnung der ersten Tage hing.
Allmählich keimte ihm so der Entschluß, im Ernste das durchzuführen, was er damals auf der mondscheinbestrahlten Veranda nur als Komödie geplant hatte: jeden Gedanken unerlaubter Natur niederzukämpfen und dieser bewunderungswürdigen, herrlichen Frau das zu sein, was man auf Erden so selten findet, wie Rosen im Hochgebirg: ein echter, wahrhaftiger Freund.
Neuntes Kapitel.
Weihnachten kam so heran – das Fest, vor welchem sich Gräfin Adele so über die Maßen gefürchtet hatte.
Der Gegensatz zwischen dem Einst und dem Jetzt war zu grausenhaft …
Im vorigen Jahr – welch ein schallender Jubel in dem großen Verandasalon! Welch ein heiß flutender Strom der Glückseligkeit unter dem strahlenden Christbaum, wo eine Fülle bunter Geschenke für das jauchzende Kind verschwenderisch ausgestreut lag! An jenem Festabend hatte die Gräfin alles vergessen, was sie gegen das Schicksal sonst auf dem Herzen hatte: die innere Oede, die der gefühlsarme, selbstsuchterfüllte Gemahl ihr zurückließ; die Reue über die kurze Verblendung, der ein so banges Erkennen gefolgt war; den heimlichen Gram über ein Leben, das sie verfehlt hätte nennen müssen, wäre das liebe, lachende, reizende Kind nicht gewesen …
Und nun?
Sie hatte schon bei dem bloßen Gedanken an die demnächstige Wiederkehr dieser Erinnerungen gefröstelt. Am liebsten hätte sie den Tag übersprungen, verschlafen, im Erledigen aufreibender Arbeit aus ihrem Bewußtsein gelöscht.
Aber wie war dies möglich?