Ihr Gemahl hatte so wenig Verständnis für dies nagende Leid, dessen eigentlichster und erster Grund er ja selbst war. An der Seite eines Mannes, den sie geliebt, der sie mit seiner warmfühlenden Seele umfangen, gehegt und beschwichtigt hätte, wäre ja auch das bitterste Weh zum Schweigen gekommen. Das treue Bestreben, sich gegenseitig über die Qual dieser Stunden hinauszuhelfen, würde bei allem Schmerz ein Glück in die Herzen gegossen haben, eine Empfindung tief innerlicher Gemeinschaft, ach, eine unbeschreibliche Wonne, die ihr bis dahin versagt geblieben!

Nein, Graf Gerold verstand sie nicht. Nur mühsam hatte sie ihn von der fürchterlichen Idee abgebracht, einen Baum für sie schmücken zu lassen. Einen Baum, dessen Nadeln ihr mit vergifteten Spitzen die Brust zerfleischt, dessen leuchtende Kerzen ihr das wildpochende Hirn versengt und verglüht hätten.

Wenn er das nicht einmal einsah – wie sollte er mehr begreifen? Rücksichtslos hätte er sie genannt, oder im besten Falle thöricht und selbstquälerisch, wenn sie dabei verharrt wäre, den heiligen Abend für sich in der Einsamkeit ihrer Klause zuzubringen, wo sie doch im Gebet vielleicht eine Entlastung fand. Sie fügte sich also den Anordnungen des Grafen in duldsamer Resignation und wiederholte sich heimlich das Wort Shakespeares, das sie so oft seit dem Verluste des Kindes sich vorgesprochen:

»Die Stunde rennt auch durch den trübsten Tag.«

Ruhiger, als sie dies selber sich zugetraut, sah sie die Frühdämmerung des vierundzwanzigsten Dezember durch die Gardinen schimmern. Es war ein bleigrauer Morgen, dumpfig, schwer und mit niedrigem Himmel. Nachdem sie sich angekleidet hatte, stand sie wohl zwanzig Minuten am Fenster und blickte hinaus auf die beschneiten Straßen und Dächer. Schwarzästig ragten die Riesenbäume des nahen Volksgartens zum Gewölk auf, und breite Flocken schwebten vereinzelt hernieder wie ein zerstückeltes Leichentuch.

Ihre Gedanken schwebten hinüber nach dem Frohnheimer Kirchhof. Schwermütige Starrheit umspann sie. Es war nicht zu ändern. Es gab so vieles in dieser Welt, bei dem nichts übrig blieb, als einfach mit blutendem Herzen stille zu halten.

Nachmittags gegen vier kam Leo von Somsdorff. Punkt fünf sollte Bescherung sein. Der Graf hatte sich die Notwendigkeit einer solchen durch keine Logik hinwegdemonstrieren lassen. Frauen mit heimlichen Kümmernissen seien Patienten, die man, dem hundertfältig betonten Grundsatz Michalskys zufolge, nicht fragen dürfe. Je rascher man wieder ins altgewohnte Geleise zurückkehrte, um so zweckmäßiger. Es gab auch eine Manier, den Schmerz zu verhätscheln, der unter keiner Bedingung Vorschub zu leisten war.

Somsdorff saß mit Adele im Ecksalon – sie auf dem türkischen Sofa, er auf dem Schaukelstuhl. In der Mitte des Zimmers brannten zwei Kerzen des Kronleuchters, nur mäßige Helle verbreitend. Abseits, von einer gelben Damastdecke verhüllt, lagen die kleinen Geschenke, die Gräfin Adele, auf den Wunsch ihres Gemahls eingehend, für ihn und für Somsdorff bestimmt hatte. Den Aufbau dessen, was er schenkte, wollte der Graf eigenhändig im Hauptsalon vornehmen.

Das Gespräch zwischen Adele und ihrem Gast war nicht sonderlich lebhaft. Zuweilen stockte es gänzlich. Trotz der Schneemassen brach da draußen mit unheimlicher Geschwindigkeit das Dunkel herein, kalt, sternlos, wolkig, als ob sich der Qualm eines ungeheuren Rauchschlots über die Stadt wälze. Der Ausblick durch das unverhangene Fenster neben dem Schaukelstuhl war von beklemmender Unwirtlichkeit. Der Hauch dieser Unwirtlichkeit schien bis herein in das Zimmer zu dringen, um die matt flackernden Kerzen zu streifen und das glänzende Gelb der Damastdecke mit einem Grau zu durchsetzen, das schwer auf die Nerven fiel.

Es schlug fünf. Graf Authenried kam nicht.