Im Gemüte der jungen Frau quoll eine unbeschreibliche Bitternis auf, die ihr jetzt beinahe willkommen war; denn diese Regung erwies sich als Schutzmittel gegen den wühlenden Schmerz, den sie schon kaum mehr bewältigt hatte.
So einsam also stand sie in dieser Welt, so völlig verlassen!
An diesem Abend sogar, der für ein blutendes Mutterherz so verhängnisvoll war, ließ Graf Gerold sich draußen durch eine Geringfügigkeit festhalten – vielleicht durch ein Gespräch über sein Lieblingsthema – und versäumte so die Vollendung seines eigenen Arrangements! Sie hatte ja gar nicht verlangt, daß er ihr Gaben auftürmte; nicht einmal, daß er des Festes, dem heute abend in Millionen von Häusern und Hütten die Menschen glückselige Opfer brachten, irgend Erwähnung that. Das eine aber hätte sie doch wohl erwartet: daß er nicht völlig vergaß, wie es um sie bestellt war, wie trostlos verarmt und verwaist sie sich fühlte, und wie grausenhaft dieses Gefühl sich steigern mußte, wenn er ihr gerade an diesem Abend so recht ins Bewußtsein rief, ein guter Bekannter, ein Zeitungsartikel oder ein müßiges Debattieren über sogenannte Probleme der Numismatik seien ihm wichtiger als seine trauernde Gattin!
Um so erbärmlicher fand sie diesen Verrat, als Gerold nicht wissen konnte, wie völlig ihr Herz ihm entfremdet war. Sie hatte ihn stets mit zartsinniger Aufmerksamkeit behandelt; sie hatte ihm eine Freundschaft erheuchelt, die sie nicht fühlte, weil sie die fromme Täuschung für ihre Pflicht hielt. Das alles war spurlos an ihm vorübergegangen. Der erste beste nichtige Tand interessierte ihn mehr, als das Weib seiner Wahl. Freilich, nur der Verstand, nur die Berechnung hatten ihm ja diese Wahl diktiert: aber die Zeit hätte hier doch eine Wandlung schaffen, hätte sein starres Gemüt nachträglich aufwecken, hätte ihm zeigen können, daß ihm die Frau mehr in die Ehe gebracht als die begehrten Millionen! War sie denn wirklich so ganz ohne jeden weiblichen Zauber, daß sich der Graf nicht einmal zu jener Alltagsliebe emporschwingen konnte, die zu einem Zwanzigstel Neigung, im übrigen Macht der Gewohnheit und Mitleid ist?
Und da saß nun, wenige Schritte von ihr entfernt, ein junger, gefühlsstarker Mann, für sie Zeus und Apollo in einer Person, ein ehrlicher, treuer, mit aller Kraft männlicher Selbstüberwindung begabter Mensch, der sie vergötterte! Diesem Manne gegenüber mußte sie unausgesetzt die Rolle der Kühl-Verständigen spielen, mit so eiserner Konsequenz, daß sie noch bis vor kurzem selber geglaubt hatte, er sei ihr vollständig gleichgültig …
Bis vor kurzem … Nun aber war es mit dieser künstlichen Selbsttäuschung ein für allemal aus.
Ihr Herz pochte. Eilig erhob sie sich. Für ein paar Augenblicke mußte sie jetzt allein sein, wollte sie nicht Gefahr laufen, ihre Empfindungen zu verraten. Und das hätte sie, aufgeregt wie sie war, nicht überlebt …
Sie nahm einen Vorwand und begab sich durch die noch unerleuchtete Zimmerflucht in ihr Boudoir. Fünf Minuten saß sie dort unbeweglich im Dunkeln. Dann machte sie Licht. Die Finsternis war ihr mit einemmal unerträglich geworden. Sie glaubte aus den versteckten Winkeln des kleinen Raumes ein gespenstisches Kichern zu hören. Krause Gestalten quollen vor ihr empor, die bei dem gelblichen Strahl der Kerze in Nichts zerflossen.
Es war die blumenbemalte Kerze auf ihrem Schreibtisch, die sie entzündet hatte. Zu der silbernen Ampel reichte ihr Arm nicht hinauf; den Diener wollte sie nicht herbeirufen.