Halb mechanisch nahm sie nun vor dem Schreibtisch Platz und that, was sie seit Monaten nicht gethan hatte: sie kramte in ihren Papieren. Bald hier, bald da zog sie ein Schubfach auf; Briefe, Zettel, Hefte und Umschläge knisterten unter dem fiebrischen Griff ihrer Finger.

Eine Mappe, außerordentlich zierlich, gerade nur handgroß, lag da zwischen den halb vergessenen Korrespondenzen. Sie schlug sie auf: lose Blätter aus ihrer Mädchenzeit, – eine Art Tagebuch …

Da: »Am siebzehnten Januar …« Das war der Tag ihrer Verlobung …

Sie las.

Freilich, das war nicht der Ton, in welchem die Liebe redet. Sie wußte jetzt besser, was Liebe war. Dennoch – wie völlig anders hatte sich alles gestaltet! Welch ein Bild entwarf sie sich hier von dem Manne, dem ihr kindliches Herz sich zu eigen gab! Hier atmete doch der Geist einer lebendigen Zuversicht, ein klares, ruhiges und freudiges Hoffen, – gleichsam der fromme Entschluß, glücklich zu sein und glücklich zu machen.

Sie zerknickte das Blatt im Schmerz ihrer Enttäuschung wie einen Schmähbrief.

Da auf der letzten Seite, am Tag vor der Hochzeit geschrieben, standen die Worte:

»Er ist so gut und so zartfühlend! Mit jeder Sekunde vertrau' ich ihm tiefer und ernsthafter! Ich glaube, er wird mich zeitlebens auf Händen tragen!«

Das Blut schoß ihr heiß ins Gesicht. Sie nahm die Feder, tauchte sie heftig ein und setzte in großen, zornbebenden Lettern die Worte darunter: