Gräfin Adele wußte alles im voraus, ehe noch Somsdorff an die Thüre des Boudoirs pochte. Sie hatte ihren Gemahl nicht geliebt. In dieser Minute noch war ihr der Groll des vereinsamten Herzens maßlos übergeschäumt. Trotzdem hielt sie der Schreckensbotschaft, die sich fast buchstäblich mit ihrem Vorgefühl deckte, kaum stand. Somsdorff hatte die größte Mühe, ihr Fassung zu predigen. Sie wollte, nachdem er ihr das Entsetzliche mitgeteilt, auf keine Ermahnung hören. Sie ließ ihn sogar heftig an und gab ihm verstört zur Antwort, sie habe ein Recht, sich hier aufzuregen; sie wolle nicht ewig als Marionette abgeschmackter Gesundheitsrücksichten Ordre parieren.

Graf Gerold hatte sich allerdings verspätet – im Kaffeehaus, wo er den Pfarrer von Hoyersbrück traf, der im Begriffe stand, mit dem Sechsuhrzuge nach einer kleinen Station der Nordbahn zu fahren. Dort besaß er Verwandte, in deren Familie er das Christfest begehen wollte. Die beiden Männer hatten sich, wie der Geistliche später erzählte, auch in der That über ein interessante Novum auf dem Gebiete der Münzwissenschaft unterhalten, so daß der Graf den richtigen Zeitpunkt des Aufbruchs verplauderte. Um das Versäumte nun gut zu machen, war er im letzten Moment noch unter dem niedergehenden Arm einer Barriere hindurch geschlüpft und dann in der Eile so unglücklich auf die Schienen gestürzt, daß der Kurierzug, der mit rasender Schnelligkeit dahergebraust kam, über ihn wegging. Als man ihn aufhob, war er bereits entseelt. Der furchtbare Anprall der Lokomotivschaufel hatte den Tod fast augenblicklich herbeigeführt.

Gräfin Adele hatte, trotz allem, was in ihr vorgegangen, jetzt das Gefühl einer gähnenden, unausfüllbaren Lücke. Erst das Kind, dann ihr Gemahl: das überstieg ihre Kraft. Und am heiligen Christabend! Sie hatte wohl Grund gehabt, vor diesem Abend zu zittern … Der geistige Druck dessen, was sie erleben sollte, war schon längst machtvoll am Werke gewesen. Das Kind hatte seinen Papa nach sich gezogen, um in der dumpfigen Erde nicht so allein zu sein …

Der schleunigst herzugerufene Arzt, der bei dem Verunglückten nichts mehr zu thun fand, hatte sich desto mehr mit der zitternden Frau zu beschäftigen. Um die drohende Wiederholung einer ähnlichen Krise, wie bei dem Tode Josefas, zu hintertreiben – Somsdorff hatte ihm diese Antecedenzien kurz auseinandergesetzt – duldete er unter keiner Bedingung, daß Gräfin Adele, wie sie dies wollte, während der Nacht bei der Leiche die Wache hielt. Das übernahm Graf Gerolds getreuer Diener, während die Zofe beauftragt wurde, die Gräfin thunlichst sofort in ihr Schlafgemach zu begleiten und der Erregten einige Gläser Bromwasser zu verabreichen.

Leo von Somsdorff, der, wie damals auf Schloß Authenried-Poyritz, so auch jetzt über allem ein Auge hatte, trat nach Erledigung mannigfaltiger Anordnungen auch in Adelens Boudoir, verteilte die Hefte und Briefschaften je nach Gutdünken in die verschiedenen Gefächer und schloß auch die Mappe mit den Tagebuchzetteln weg, nicht ohne zuvor das seltsame Blatt mit der schauerlich exaltierten Nachschrift von heute bemerkt zu haben.

Er war indes zu mächtig erschüttert, um lange darüber nachzugrübeln. Die Schattenseiten im Charakter des Grafen, die Sonderbarkeiten und Schwächen traten jetzt auch für Somsdorff ganz und gar in den Hintergrund, während die Vorzüge eine erhöhte Beleuchtung gewannen. Ihm war mit Gerold, so schien es, ein wirklicher Gönner, ein Freund gestorben, der sich ihm stets nur von der liebenswürdigsten Seite, nicht selbstsüchtig noch gemütsroh, sondern beinahe väterlich wohlwollend und erfüllt von den herzlichsten Sympathieen gezeigt hatte. Und so graß und gewaltsam hatte der frische, kräftige Mann enden müssen! Ein schweres, unheilvolles, dämonisches Jahr!


Zehntes Kapitel.

Der Verlust ihres Gatten bedeutete für die Gräfin zunächst einen Absturz aus den Höhen der Selbstbeherrschung, die sie während der letzten zwei Monate mühsam erklommen hatte.