Nach einiger Zeit jedoch gab sie der scheuen Erwägung Raum, daß es für ihr umdüstertes Herz doch vielleicht eine Zukunft gebe.

Somsdorffs Liebe hatte sich glänzend bewährt. Mit keiner Silbe sprach er von dem, was er im stillen so heiß ersehnte. Die Gräfin jedoch, für die er jetzt nur der beratende, tröstende, gütige Freund schien, fühlte deutlich heraus, wie seine Neigung trotz dieser äußeren Zurückhaltung täglich an Tiefe zunahm. Sie war ihm dankbar für sein taktvolles Schweigen, das ihr Frist gab, sich an die Lage der Dinge erst zu gewöhnen und so den Mut zu finden, einem Gefühle, das ihr bis jetzt wie verbrecherisch vorgekommen und das nun plötzlich erlaubt war, allgemach Raum zu geben. Sie erkannte wohl, daß die Leidenschaft, die er für sie empfand, nichts mehr gemein hatte mit der banalen Verliebtheit des Weltlings, der eine Frucht nur begehrt, weil sie verboten ist. Jeder Zug seines Wesens sprach von der Wandlung, die er seit vorigem Jahr durchgemacht hatte; jeder Blick, mit dem er der teuren Gestalt folgte, wenn er sich unbeobachtet glaubte, ließ es erkennen, daß Leo sich gar kein höheres Glück träumte, als ihren dauernden Vollbesitz.

So kam denn, was der Natur der Dinge nach kommen mußte. Eines Abends im Mai warb er um ihre Hand, und Gräfin Adele sagte mit überquellender Innigkeit »Ja«. Reichliche Thränen stürzten ihr heiß über die Wangen; hundert Erinnerungen überwältigten sie; der Schmerz um Josefa schien neu zu bluten: dann versank sie in wehmütigsüße Mattigkeit. Sie liebte ihn ja! Sie hatte die Glut ihrer Neigung so lange zurückgedrängt! Und sie brauchte um seinetwillen das fromme Gedächtnis ihres verklärten blondlockigen Engels nicht aus dem Herzen zu reißen! So mußte sie endlich, nach so erschütternden Stürmen, ruhig werden und ihres Glückes froh: das Kind selber würde im Himmel für seine Mutter beten.

Man kam überein, keine Verlobungsanzeigen zu verschicken, sondern nach Ablauf des Trauerjahres die Hochzeit in aller Stille auf einen noch festzusetzenden Tag im Februar oder im März zu rüsten und die Verwandten und Freunde durch die vollendete Thatsache zu überraschen.

Einen Moment lang hatte die Gräfin bei dem Gedanken an diese demnächstige Ueberraschung das peinliche Vorgefühl, als möchte irgend wer, dem die Beziehungen Somsdorffs zu dem gräflichen Hause vor dem Hinscheiden Gerolds bekannt gewesen, eine Bemerkung wagen, deren Fassung ihr sehr undeutlich vorschwebte, deren Sinn aber darauf hinauslief: »Das war ja vorauszusehen!« – Doch unterdrückte sie diese Regung als überängstlich. Alle Welt wußte, daß ihr verstorbener Gemahl und nicht etwa sie für Leo von Somsdorff so außergewöhnlich geschwärmt hatte. Somsdorffs Verkehr aber mit ihr damals im Schlosse war doch höchstens von Gertrud Mettenius und Friedrich von Steinitz beobachtet worden, die beide vollauf mit sich selber zu thun hatten; vielleicht auch von dem Major. Zudem – was lag daran? Somsdorff hatte sich nie das geringste erlaubt, was die Vermutung erwecken konnte, er hege mehr Interesse für sie, als für den Grafen, – abgesehen von den wenigen tollkühnen Worten, die nur ihr zu den Ohren gedrungen. Und sie hatte ihn dann ja sofort belehrt, daß er im Ton sich vergriffen – und doppelt eifrig war er nach diesen Vorkommnissen bemüht gewesen, ihr keinerlei Anlaß zur Klage zu geben … Die Leute schwatzten ja stets … Mochten sie reden, wenn nur sie – die Gräfin – ein gutes Gewissen hatte!

Obgleich der Sommer nun vor der Thüre stand, konnte Adele sich immer noch nicht entschließen, die Stadt zu verlassen. Die alte Dame, die seit dem Tode des Grafen ihr Heim teilte – Fräulein von Rauch, eine entfernte Verwandte von ihr – hätte es zwar vollkommen ermöglicht, daß sie auf Reisen gegangen wäre, wie dies der Arzt wünschte. Der Gedanke jedoch, sich von Leo trennen zu sollen, war ihr zu schrecklich, und mit ihm zusammen zu reisen, das ging doch trotz der Anwesenheit jener Dame nicht wohl an.

So ward es Juni, ohne daß sich die Lebensführung Adelens geändert hätte. Man hielt sich nach wie vor äußerst zurückgezogen, verbrachte jedoch die unvergleichlichsten Nachmittage unter den Buchen, Eschen und Ahornbäumen des Gartens, der, selbst zwar nicht umfangreich, mit der Rückseite an den prinzlich hohenbrandischen Park stieß und so für den Blick eine höchst imposante Erweiterung erfuhr. Das liebenswürdige Fräulein von Rauch ging dabei nur so viel ab und zu, als sie für schicklich hielt, störte übrigens auch durch ihre Gegenwart niemals den warmen, ruhigen Goldton des Glückes, der jetzt bei Gräfin Adele mehr und mehr die Anwandlungen der Trauer und Wehmut verdrängte.

In Leos Wesen lag etwas eigentümlich Verhaltenes; selbst seine Stimme nahm teil an dieser beinah' gekünstelten Gleichmäßigkeit. Das alles jedoch war nur der Ausdruck jener unendlichen Wonne, die – aus Angst vielleicht vor dem Neide der Götter – nicht laut werden will. Die schweren Ereignisse der Vergangenheit lagen dem jungen Manne noch in den Gliedern wie der letzte nervöse Druck eines furchtbaren Schreckens.

Man sprach viel und eingehend von Leos Zukunft.