Er hatte die Absicht gehegt, die Laufbahn des Diplomaten endgültig aufzugeben, um sich nun ganz und gar seinen historischen und volkswirtschaftlichen Studien zu widmen.

Adele, die halb unbewußt hinter den »Studien« ein ähnliches, Herz und Geist absorbierendes Steckenpferd witterte, wie es die Numismatik für Graf Gerold gewesen, hatte ihn umgestimmt. Die Vorzüge einer praktischen Thätigkeit waren so mannigfach, und just die Carriere des Staatsmannes dünkte ihr außerordentlich reizvoll. Gelehrte und Künstler stehen dem Weib gegenüber wesentlich anders da, als die Männer der That. Sie finden oft schon nach kurzer Frist mehr Genüge in ihrem Beruf, als der Gattin genehm ist, während der Mann, den die Welt schüttelt und stößt, doppelt gern zu dem Herzen der Frau flüchtet.

Sie sagte das nicht, aber sie gab es ihm sehr geschickt ein. So hatte er Schritte gethan, um die kaum erst gelösten Fäden aufs neue zu schürzen, was ihm nicht schwer ward; denn seine Talente waren unzweifelhaft, und bis hinauf an den Thron besaß er die einflußreichsten Verbindungen.

Schon in kürzester Frist konnte er mitteilen, daß er entweder für Madrid oder für Konstantinopel bestimmt sei, was eine Reihe unerschöpflicher Diskussionen und Plaudereien eröffnete und die eingehendste Beschäftigung mit Spanien und dem osmanischen Reich veranlaßte.

Am fünfundzwanzigsten Juni hatte sich Leo nochmals beim Minister vorzustellen, aller Voraussicht nach, um eine definitive Entscheidung zu hören. Die junge Frau erwartete ihren Verlobten unmittelbar nach dieser Audienz zu Tisch.

Kurz vor halb zwei – man speiste um vier – ließ sie anspannen, um in die Stadt zu fahren. Sie hatte noch Einkäufe zu besorgen; vor allem auch frische Blumen als Tafelschmuck, die sie persönlich aussuchen wollte. Es war ja doch ein bedeutsamer Tag, der auf lange hinaus ihre Zukunft bestimmte; man mußte ein übriges thun.

Wie Adele dies dachte und sich dabei wohlig in die Kissen des Wagens zurücklegte, fiel ihr ein, was sie den ganzen Vormittag über vergessen hatte, obgleich sie sonst mehr, als Leo dies wünschte, im Bann der Erinnerungen stand: daß nämlich übermorgen sich jenes fürchterliche Ereignis jährte, das ihr die süße, kleine Josefa entrissen. Ihr Auge umwölkte sich. Sie machte sich einen Vorwurf daraus, daß ihr ein Blumengeschenk für den Lebenden vorschwebte, eh' sie das längst schon geplante Blumengeschenk für die Tote bestellt hatte. Sie schwankte sogar, ob sie den Einfall, die Tafel zu schmücken, nicht aufgeben sollte. Bald aber fand ihr bewegtes Gemüt einen Ausweg. Der Mann, den sie so heiß und so innig liebte, der da allein auf der weiten Welt im stande gewesen war, sie nach dem Verlust ihres Kleinods – zuerst als Freund und jetzt als zukünftiger Lebensgenosse – aufrecht zu halten, er durfte um keinen Preis hier verkürzt werden. Das wäre ihr vorgekommen wie eine Beraubung. Ihm also die prächtigen Festblumen, die von der Hand des Gärtners sorgsam genährt und gezüchtet waren. Am Abend wollte sie dann im Hausgarten still einen Kranz winden, nicht reich und nicht prunkvoll, sondern zusammengestellt aus den wenig gepflegten Rosen des einzigen Beetes …

Nun ward ihr freier ums Herz. Eine milde Versöhnlichkeit stieg in ihr auf. Sie staunte nicht mehr wie vorhin, daß sie je wieder froh geworden; sie glaubte, das sei der Wille Gottes, der ja für alles Weh einen Balsam habe und nach so tiefen Erschütterungen ihr doppelt freigebig seinen Trost spende.

Von dieser Stimmung beseelt, erblickte sie, als der Wagen jetzt anhielt, das etwas hager gewordene Antlitz ihrer ehemaligen Freundin Gertrud. Adele zuckte ein wenig zusammen. Gertrud von Steinitz war flüchtig errötet und hatte sich abgewandt. Sie kam aus dem nämlichen Magazin, das die Gräfin betreten wollte. Adele jedoch, die alles Unausgeglichene ebnen, alles Verworrene schlichten zu müssen glaubte, rief sie mit Namen und bot ihr freundlich die Hand.

»Wie geht's?« frug sie ein wenig unsicher. »Wir haben seit lange nichts mehr voneinander gehört.«