»Ich frage, weil … weil es mich lebhaft interessiert. Sie müssen gemerkt haben, daß ich … an Ihrer Familie den regsten Anteil nehme. Insbesondere fühl' ich für Sie, Frau Gräfin, eine … wie soll ich mich ausdrücken? … eine heißbewundernde Sympathie, eine Freundschaft …«
»Die Freundschaft nehme ich dankend an,« versetzte sie ruhig. »Seien wir offen und klar, Herr von Somsdorff. Ich halte Sie für zu ehrlich und zu gescheit, als daß ich Ihnen die Ungereimtheit zutrauen sollte, mir von Freundschaft zu reden, während Sie thatsächlich nur von der Absicht beseelt wären, sogenannte psychologische Studien zu machen, Ihre Erfahrungen zu bereichern oder sich gar über die Gläubigkeit eines schutzlosen Frauengemüts lustig zu machen. Soll ich in dieser Meinung nicht wankend werden, so lassen Sie ein für allemal Artigkeiten, die einer Mißdeutung fähig wären. Auf heißbewundernde Sympathie mach' ich durchaus keinen Anspruch!«
»Verzeihung, Frau Gräfin!« stammelte Somsdorff, mehr noch durch den Ausdruck ihrer ernststrafenden Züge verwirrt, als durch die Worte selbst, die sie mit großer Eintönigkeit vorgebracht hatte. »Nichts lag mir ferner, als Sie verletzen zu wollen. Auch die Freundschaft hat ihre Stunden der Ueberschwenglichkeit …«
»Für Ueberschwenglichkeiten bin ich zu alt.«
Er mußte lachen.
»Wirklich?« fragte er in dem Tone des Mannes, der einer harmlosen Koketterie auf der Spur ist.
»Ja, wirklich! Das Alter hängt nicht lediglich von den Jahren ab.«
»Sondern? …«
»Sondern von dem, was man erlebt.«
»Aber Sie haben mir vorgestern Ihre ganze Biographie erzählt …«