»Habe ich das? Vielleicht war's eine Thorheit … Was soll's damit?«
»Diese Biographie – ich bitte sehr um Entschuldigung, wenn mein Freimut Sie wieder verletzen sollte – diese Biographie enthielt, offen gestanden, so gar nichts Abnormes …«
»Finden Sie?«
»Ja, Frau Gräfin! Selbst der launige Streich, den Sie im Reißnerschen Pensionat Ihrem Präzeptor spielten, kann doch unmöglich die innre Entwicklung Ihres Gemüts so beschleunigt haben … Dann kamen die musikalischen Schwärmereien, das Autographensammeln, die Begeisterung für litterarische Tagesgrößen, die ersten Bälle – und schließlich die Huldigungen, die der Herr Graf Ihnen erwies. Die Herzen fanden sich, Graf Authenried warb um Sie, Ihr Papa fühlte sich ein wenig geschmeichelt – selbst der reichste, unabhängigste Kaufherr, wenn er bürgerlich ist, hat diese begreifliche Schwäche – Sie aber dachten nur an die edle, charaktervolle Persönlichkeit …«
»Herr von Somsdorff, Sie persiflieren mich!«
»Keineswegs! Ich stelle nur fest, daß nichts in Ihrem Leben, so weit Sie es mir enthüllt haben, zu der Meinung berechtigt …«
Ein plötzlicher Aufschrei der kleinen Josefa unterbrach ihn mitten im Satze. Das Kind war, Blumen suchend und Schmetterlinge verfolgend, eine Strecke vorangeeilt und stand jetzt, das Köpfchen mit dem breitkrämpigen Strohhut nach vorn gebeugt, die Händchen, deren linkes den Strauß hielt, weit von sich abgestreckt, starr in der Furche des Waldwegs. Nur wenige Schritte noch vor der Kleinen entfernt stutzte da ein gewaltiger Hirsch, – augenscheinlich eines der zahmen Fahrtiere, die Serenissimus, dessen Gehege ganz in der Nähe lag, ab und zu vor den kleinen Rokoko-Wagen spannte; denn trotz der schon vorgerückten Jahreszeit prangte der Hirsch im vollen Schmuck seines Geweihes. Die fürstlichen Hirsch-Wallache, vier an der Zahl, galten sonst für durchaus ungefährlich. Dieser Flüchtling jedoch, der, Gott weiß von welchem Einfall getrieben, die Umzäunung durchbrochen hatte, befand sich offenbar im Zustand einer bedrohlichen Aufregung. Er blähte die Nüstern und senkte das Haupt mit der furchtbaren Angriffswaffe schnaubend zum Vorstoß.
Gräfin Adele taumelte. Fünf Sekunden noch, und das Kind war verloren. In diesem flüchtigen Zeitraum lebte sie das Entsetzliche, zu einer Ewigkeit ausgesponnen, Scene für Scene durch: von dem Augenblick, da sich das tollgewordene Tier mordend über den wehrlosen Engel herwarf, bis zu dem letzten Abschied an der gähnenden, sonnenlichtüberfluteten Gruft. Trotzdem war die Verzweifelte nicht im stande, einen Finger zu rühren. Die zuckende Schulter an den Stamm einer Buche gelehnt, stierte sie mit der hilflosen Ohnmacht des Vogels, dem sich die Schlange nähert, unter den Wimpern hervor, lautlos, kaum eines Seufzers fähig.
Leo von Somsdorff jedoch, bei aller Erregbarkeit seines Temperamentes ein Mann, dem die Gefahr nie die Besonnenheit raubte, stürzte alsbald vor. Er selbst wußte nicht, was ihn trieb. Vielleicht nur der selbstlose, instinktive Drang, der uns alle beseelt, wo es die Rettung eines bedrohten Lebens gilt; vielleicht auch der Wunsch, Adelen durch die That zu beweisen, daß ihm für sie kein Opfer zu groß sei; vielleicht sogar das weltlich schnöde Bedürfnis, da heroisch und mannhaft zu scheinen, wo er bis jetzt nur in zaghafter Scheu gegirrt und geschmeichelt hatte. Jedenfalls sprang er mit verblüffender Energie auf das Tier los und versetzte ihm, just wie es vordrang, mit dem knorrigen Griffe des Jagdstocks einen furchtbaren Hieb quer über die Augen.
Die Folge war, daß der Hirsch zwar das Kind verfehlte, aber nun dem verwegenen Angreifer, der nicht rasch genug ausweichen konnte, das scharfe Geweih tief in den Arm und die Hüfte stieß. Gleich danach krachte ein Schuß. Mitten aufs Blatt getroffen, brach das wütende Untier zusammen, im Sturz noch die blutüberströmten Wunden Somsdorffs grausam vergrößernd. Die Forstleute erst, die aus dem Gehölz traten, befreiten den halb schon Bewußtlosen von der zerfleischenden Last, die schwer über ihm lag.