Weiter wünschten wir nichts.
Nachdem Quaddler verschwunden war, trat Scholz aus seinem Versteck heraus, drehte die Schlüssel unserer beiden Zellen um, und siegesfroh sanken wir uns an die brüderlich klopfenden Herzen. Ein brillanter Skat (Scholz trug immer die Karten bei sich) vereinigte uns für den Rest unserer Strafzeit in fröhlicher Ungezwungenheit. Einmal noch hatten wir, nachdem wir alle nötigen Vorbereitungen getroffen, den Pedell herauf zitiert; unsere dauernde Ruhe hätte seinen Verdacht erregt. Im übrigen blieben wir unbehelligt. Und so endete denn unser erstes Karzererlebnis in jeder Hinsicht befriedigend.
Mein zweiter Aufenthalt in »Quaddlers Dachkammern« steht mir nicht minder klar im Gedächtnisse wie mein Debüt. Späterhin haben die Eindrücke sich verwischt. Die »halben« und die »ganzen« Tage wiederholten sich zu massenhaft, als daß jede einzelne Perle dieses Rosenkranzes in meiner Erinnerung aufgezeichnet sein könnte. Damals aber war meine Seele in Karzerangelegenheiten so jungfräulich, daß selbst das geringste Ereignis eine unauslöschliche Spur zurückließ.
Es war drei Wochen seit jener ersten sechsstündigen Skathaft. Ich hatte diesmal einen vollen Tag zu verbüßen, und zwar in Gemeinschaft mit Wilhelm Rumpf, der Krone und dem Spiegel aller deutschen Gymnasialschüler. Die Ursache unserer Schicksale war nicht die gleiche. Rumpf hatte sich einer tätlichen Mißhandlung des zart organisierten Salonschülers Heinrich von Sternberg erfrecht, ich aber war, so seltsam es klingen mag, ein Opfer meines früh entwickelten Patriotismus geworden.
Zur Zeit meiner Sekundanerschaft florierte nämlich die Tätigkeit des Nationalvereins. Unser damaliger Geschichtslehrer, übrigens einer von den wenigen Pädagogen, die es verstanden, ihren Schülern wirkliches Interesse einzuflößen, benutzte eine Vorlesung über die französische Revolution, um den Nationalverein und seine Bestrebungen mit den terroristischen Klubs von Paris zu vergleichen. Teils aus Frömmig-, teils aus Zeitvertreib – wie die berühmte Dame des deutschen Volksliedes –, ich will sagen, halb aus Liberalismus, halb aus Freude am Stören und Widersprechen, stand ich auf und erklärte dem »großdeutsch« gesinnten Lehrer feierlich, es sei mir leider unmöglich, seine politischen Anschauungen zu teilen. Der Ordinarius von Sekunda zähle ja persönlich zu den Mitgliedern des Nationalvereins, ohne daß man behaupten könne, derselbe habe Ähnlichkeit mit Robespierre oder Marat. Das war nun freilich eine für den Lehrer sehr unangenehme Gegenrede, denn die Tatsache von der Mitgliedschaft des Ordinarius ließ sich nicht abstreiten. Der Herr Professor mochte überdies der berechtigten Ansicht huldigen, meine Opposition habe etwas von der prinzipiellen Feindseligkeit der »Unversöhnlichen«. Er schritt zur Gewalt und verbannte mich wegen frecher Störung für zwölf Stunden ins Gymnasialgefängnis.
Man hatte diesmal mit diabolischer Tücke den Sonntag für die Verbüßung der Haft festgesetzt, eine Maßregel, die unser Schicksal bedeutend erschwerte.
Schon um drei Viertel auf sieben mußte ich mich den Armen des Schlummers entreißen, der uns Schülern doch gerade den Sonntagsmorgen so lieb und wert vor allen übrigen machte! Nicht ohne eine gewisse Verstimmung wanderte ich durch die stillen Gassen, deren geschlossene Läden mich höhnisch angrinsten, als wollten sie sagen: Ei, schon so frühe? Wir beginnen unser Tagewerk noch lange nicht! Wohin denn mit deinen Büchern und deiner Schulmappe? So viel wir wissen, gibt es doch heute keine Lektionen …?
Nun, sprach ich zu mir selbst, ich werde den Tag schon herumbringen; und stolzen Hauptes wanderte ich an den schloßverhangenen Buden vorüber. Goethe hat es gesagt: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister! … Ich werde dem Schicksal beweisen, daß die Freiheit selbst in dem Kerker wohnt!
Am Brandplatze begegnete mir der alte Registrator Bieler, ein bekannter Frühaufsteher, der seinen Spaziergang machte. Als ich ihn grüßte, bemerkte ich, daß über seine Lippen ein halb sarkastisches, halb mitleidiges Lächeln glitt. Auch nickte er so ganz eigentümlich still vor sich hin … Die verwünschten Bücher! Die niederträchtige Schreibmappe! Ich fühlte, ich war erkannt. Mit dem feierlichen Ernst eines alten Römers gelobte ich mir, in Zukunft meine Bücher stets am Tage zuvor bei Quaddler zu deponieren.