Und nun betrat ich das Gymnasialgebäude.

Wie öde, wie leblos dehnten sich diese Mauern! Hier, wo sonst das lauteste, regste Treiben herrschte, wo das Gelächter chronisch und das Gebrüll permanent war, hier thronte jetzt die dumpfe Majestät einer Grabesstille, die mir kalt auf die Seele fiel! Nichts ist trauriger als der Kontrast zwischen dem belebten und dem unbelebten Raum! Ein Schauspielhaus sieht nach beendigter Vorstellung weit trübseliger, ja in gewissem Sinne erschütternder aus, als die ödeste Heide … Nun, das Gymnasium ist ja auch eine Art Schauspielhaus, nur daß die Komödianten hier gleichzeitig das Publikum abgeben.

Langsam ging's die Wendeltreppe hinauf nach den Regionen des Dachstuhls … Rumpf war noch nicht da. Einsam verhallten unsere Tritte durch den weiten, schläfrigen Raum. Ich sprach keine Silbe. Mit einer Art von wollüstigem Grausen sog ich die Elegie dieser trübseligen Morgenstunde in mein Gemüt ein.

So war ich denn in die Zelle gelangt. Fünf Minuten später kam Wilhelm Rumpf, – ebenfalls sehr stumm und geräuschlos. Die Tür fiel hinter ihm zu: wir waren allein, – durch das gemeinsame Schicksal verbunden und doch getrennt durch die kalkbeworfene, inschriftenübersäte Wand.

Rumpf war der erste, der das feierliche Schweigen zu brechen wagte.

»Prosit!« rief er mit gewohntem Zynismus.

Der warme Klang dieser Stimme gab mir die volle Elastizität des Geistes wieder.

Ich antwortete, und so entspann sich ein brüderliches Gespräch, das endlich mit dem Bemerken abgebrochen wurde, man wolle zunächst etwas arbeiten, da ja der Tag lang und das dolce far niente gerade in diesen Räumen am wenigsten dolce sei.

Ich setzte mich an den Tisch und durchmusterte meine Papiere und Bücher.

Homer! Aufs Geratewohl schlug ich auf und las. Die frische Seeluft, die mir aus den Rhythmen des hellenischen Sängers entgegenwehte, paßte so wenig zu meiner Situation, daß ich nach kurzer Frist das Buch zuklappte und hinauf nach dem spärlichen Stück blauen Himmels sah, das in wolkenloser Klarheit durch die vergitterte Luke herein glänzte. In der Tat, es gab keinen schrofferen Gegensatz, als zwischen jenem ungebundenen Abenteurer Odysseus, der mit den lieben Genossen die weintraubenfarbige Salzflut befuhr, und mir, dem gefesselten Sekundaner, der in den Karzerräumen eines deutschen Provinzgymnasiums für den Nationalverein büßte!