Meine Stimmung war jetzt, infolge der verschiedenen Wandlungen, die sie erlitten hatte, nachgerade bis zu dem Punkte gediehen, wo der deutsche Gymnasiast sich in Versen ergeht. Überhaupt war der Karzer für mich stets ein poetisch fruchtbarer Boden. Hier entstand mehr als ein Gedicht, das später mit geringen Veränderungen im Druck erschien, hier wurde gar mancher Ton angeschlagen, dem man nicht anmerkte, daß er dem Territorium Quaddlers entstammte. Auch die Primanerliebe fand die glücklichsten Momente ihrer lyrischen Gestaltungskraft auf dem prosaischen Karzer! Es klingt wunderbar, aber es ist so …
Ich setzte mich also wieder behaglich zurecht, breitete einen Bogen Papier vor mich hin und ergriff die Feder.
Was schrieb ich?
Ein Klagelied um »die sonnigen Tage von einst«!
Es ist eine sonderbare Erscheinung, die unter anderen auch Paul Heyse in der Novelle »Lottka« zum Ausdruck gebracht hat, daß die Jugend, die eigentlich noch kaum von einer Vergangenheit reden kann, mit Vorliebe ihren begrabenen Träumen, ihren zertrümmerten Hoffnungen nachweint. So singt der achtzehnjährige Paul in der tränenreichen Melodie des »long, long ago«:
Ich glaube, in alten Tagen,
Da liebt' ich ein Mägdelein …
Späterhin erscheint uns dergleichen fast unbegreiflich; aber wenn man mitten darin steckt, so kommt man sich mit seiner ganzen wehmuterfüllten Individualität so heilig und ernst vor, daß man jeden Zweifel mit Entrüstung von der Hand weisen würde.
»Die sonnigen Tage von einst« erleichterten mir das Herz, und in bester Laune benutzte ich die Rückseite des Blattes zur Abfassung eines Karzerhymnus, der in dröhnenden Rhythmen die Nichtswürdigkeit dieser Anstalt vom Standpunkte der reinen Moral zu beleuchten suchte.
Mit einemmal ertönten die Kirchenglocken. Eine erneute Erinnerung an den Zustand der Unfreiheit! Sonst hatte uns jeder Sonntag, dafern wir die Stunde nicht ruchlos verschlafen, beim Vormittagsgottesdienst am Hause des Herrn gesehen. Ich sage »am« Hause des Herrn, denn wir standen davor, mit dem sehr weltlichen Zwecke, die schönen Töchter des Landes einwandeln zu sehen. Die Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, hatten uns zwar vielfach Vorlesungen im Sinne der berühmten Londoner Anti-young-men-before-the-church-standing-association gehalten und uns schließlich gesagt, wenn wir denn absolut nicht von dieser Unsitte ablassen könnten, so möchten wir doch wenigstens nach stattgehabter Revue auch das Innere des Tempels besuchen; aber diese Mahnungen blieben fruchtlos. Wir überschritten nur selten die Schwelle. Nicht als ob wir schon damals sämtlich überzeugungsfeste Anhänger von Schopenhauer oder David Strauß gewesen, nicht als ob wir jeder Sympathie für die Kirche entbehrt hätten, nein, es war ein anderer Umstand, der uns zurückhielt: der Eifer nämlich, mit dem die Lehrer sich jeden, der beim Gottesdienste erschien, ins Notizbuch vermerkten. Nur eine ganz verschwindende Minorität strenggläubiger oder augendienerischer Alumnen frequentierte die Kirche trotz dieser unglückseligen Methode. Die Quartalzensur brachte dann unter den »Besonderen Bemerkungen« das herrliche Lob: »NB. Besuchte fleißig die Kirche …«
Jetzt tönten die Glocken durch die klare, friedliche Morgenluft. Ich glaube, wenn's mir in diesem Augenblicke freigestanden hätte, ich würde meine Zelle nicht nur mit dem Platz vor der Kirche, sondern auch mit der Emporbühne im Innern vertauscht haben, selbst auf die Gefahr hin, als kirchenfleißig notiert zu werden.