Rumpf schien von ähnlichen Gefühlen durchflutet. Denn mit einemmal rief er mir sonderbar gähnend zu:
»Du, es ist doch verflucht langweilig!«
»Es geht«, antwortete ich mit gut erkünstelter Überlegenheit. Es ging aber nur sehr mangelhaft!
Wilhelm Rumpf griff nun zu dem niemals versagenden, ewig vollgültigen Universalmittel des Klingelns. Quaddler erschien. Es entspann sich ein Dialog, nach dessen Beendigung der Pedell wieder verschwand, ohne daß sich unsere Situation im wesentlichen gebessert hätte. Der ehrliche Schuldiener mußte von unserer neulichen Skatpartie Wind bekommen haben, denn er weigerte sich hartnäckig, uns Wasser zu holen, solange Rumpf sich auf dem Vorflur befand. Deprimiert hörten wir seine nägelbeschlagenen Absätze treppabwärts poltern. Für diesmal schien aus unserer Partie Piquet, auf die wir so zuverlässig gerechnet hatten, nichts werden zu sollen.
Da fiel mein Blick auf das Fenster. Die Vergitterung war nicht in die Mauer eingelassen. Sie bestand vielmehr aus einer Art Rost, die man mit Schrauben an das Holzwerk befestigt hatte. Ein köstlicher Gedanke zuckte durch mein Gehirn. Wenn es uns gelang, diese Schrauben zu lösen, so konnten wir die Kommunikation, die auf normalem Wege durch die Türen unmöglich war, über das Dach bewerkstelligen. Die Neigung der schiefergedeckten Fläche war eine sehr mäßige – eine Gefahr also nicht vorhanden. Und überdies, was fragt ein deutscher Sekundaner nach der Gefahr, sobald es gilt, einen lustigen Streich auszuführen …!
Ich teilte meine Idee dem schandtatbereiten Freunde mit, der sie alsbald feurig ergriff.
Ans Werk also!
Ich rückte den Tisch gerade unter die Dachluke, stellte den Stuhl in die Mitte der geräumigen Platte und stieg dann langsam hinauf. Der improvisierte Bau war hoch genug, um das Gitterwerk in den Bereich meiner Hände zu bringen. Ich überzeugte mich, daß der eiserne Rost sich an der einen Seite wie ein Deckel in Scharnieren bewegte, während die andere Seite mit vier großen Schrauben an der Rampe des Fensters haftete. Wenn man diese vier Schrauben herauszog, so mußte das Gitter ganz nach Art einer Lukenklappe heruntersinken und die Fensteröffnung frei geben. Die Einrichtung hatte überdies den Vorteil, daß man die Spuren dieser rechtswidrigen Eröffnung wieder austilgen konnte. Eine einzige Schraube, nur zur Not eingedrückt, reichte aus, um das Gitter in der Schwebe zu halten, – ein Umstand, der nicht unterschätzt werden durfte. Der Pedell stattete uns nämlich, so ungern er auf unser Klingeln erschien, mitunter Besuche aus dem Stegreif ab.
Da ich keinen Schraubenzieher besaß, so öffnete ich mein Taschenmesser, das mir in Gymnasialangelegenheiten stets ein unentbehrlicher Diener gewesen. Ich könnte über dies Taschenmesser eine lange Serie höchst stimmungsvoller Geschichten schreiben. Parenthetisch erwähne ich hier nur das Nachstehende: Es existierten innerhalb des Gymnasialgebäudes wenige Subsellien, in die ich nicht eine Anzahl sehr korrekt gemeißelter Inschriften eingraviert hätte. Nun gab es zwar einen Gesetzesparagraphen, der da besagte: »Es ist den Schülern dieser Anstalt aufs strengste verboten, in die Bänke, Tische, Stühle und sonstige Gerätschaften des Inventars Namen einzuschneiden.« Aber niemals hat zwischen der Praxis und der Theorie eine so unausgefüllte Kluft gegähnt, wie hier! Die Subsellien unseres Gymnasiums waren geradezu Musterkarten aller erdenklichen Schriftarten, von dem unbehilflichen Stümpern des Anfängers bis zur technisch vollendeten Leistung des Virtuosen. Da winkten in schöner Antiqua unzählige Josephinen, Mathilden, Henrietten und Wilhelminen; da prangten in prickelnder Perlschrift zierliche Disticha und geistvolle Quatrains; ja selbst Häuser, Bäume und ähnliche Gegenstände waren in ihren Umrissen dargestellt. Hutzler hat späterhin auf einem Tische der Prima einen großen Kanal gebaut, der in mehrfachen Windungen von dem einen Ende zum anderen lief und, wenn man den Tisch durch untergeschobene Bücher in eine schräge Lage versetzte, vollkommen geeignet war, einen Tintenstrom en miniature von der Quelle bis zur Mündung fließen zu lassen. Niemals, solange man denkt, ist ein Schüler wegen Einschnitzungen bestraft worden, obgleich der Pedell mit großem Eifer auf die Missetäter fahndete. Wir schnitten nämlich, um die Möglichkeit, aus dem Inhalt des Eingeschnittenen auf den Täter zu schließen, ein für allemal in der Wurzel zu ersticken, nicht selten die Namen solcher Schüler ein, denen man dergleichen wegen der musterhaften Korrektheit ihres Lebenswandels nicht zutrauen konnte. Ja, Boxer gravierte einmal in majestätischen Lettern: Samuel Heinzerling! Nachdem wir diesen Präzedenzfall geschaffen, durften wir getrost unsere eigenen Namen verewigen, denn nun war die Entschuldigung gestattet: alius fecit!