Der Leser könnte nun fragen, ob denn ein Schluß von dem Platz auf den Täter nicht viel korrekter gewesen wäre. Jawohl! So leicht faßt man uns nicht! Alle acht Tage wurden infolge der exercitia pro loco die Plätze gewechselt. Wenn jemand also einen besonders auffallenden Einschnitt verbrochen hatte, so machte er die Spuren seiner Tätigkeit für die nächsten acht Tage unkenntlich. Das geschah auf folgende Weise: In erster Linie ward die helle Schnittfläche mit Tinte behandelt, so daß sich der Einschnitt durch nichts von den übrigen, ebenfalls schwarz und alt aussehenden, unterschied. Dann füllte man die Vertiefungen dergestalt mit festgeknetetem Brot aus, daß die Fläche wiederhergestellt war. Hierüber legte man abermals eine Lage von Tinte. Da die ganze Tischfläche schwarz und überdies ziemlich rauh und zerklüftet war, so hätte man jeden Quadratzoll genau untersuchen müssen, um die betreffende Stelle zu finden. Nach vierzehn Tagen, wenn der Täter längst an einem andern Platze saß, hob er vor dem Beginn der Lehrstunde die jetzt dürr gewordene Brotfüllung heraus, und wie mit einem Zauberschlage stand die ganze Inschrift in ihrer vollen Glorie auf der verwandelten Fläche. Wurde Quaddler jetzt wirklich durch diese Novität befremdet, so war man jeder Verantwortung überhoben; der Schüler aber, der neu auf den verfänglichen Platz versetzt worden war, erklärte auf eine etwaige Interpellation sittlich entrüstet: »Aber ich sitze ja hier erst seit gestern, und um das einzuschneiden, braucht man doch mindestens acht Tage!« Der Lehrer ließ dann die Sache aus Opportunitätsgründen »auf sich beruhen«.
Dieses bedeutsame Messer also, das hornumschiente, wie Homer sagen würde, zog ich aus der Tasche und begann meine Operation. Die Schrauben saßen verzweifelt fest, – aber nach Verlauf einer halben Stunde und mit Aufopferung einer Klinge gelang es mir doch, mein Problem zu bewältigen. Das Gitter senkte sich geräuschlos. Ich faßte rechts und links den Lukenrand und schwang mich empor.
Ein wunderbarer Anblick belohnte mich. Da unten tief lag der große, stille, einsame Platz. Gegenüber das gewaltige Zeughaus, dessen graurötliches Gemäuer fast an die Ruinen des Heidelberger Schlosses gemahnte. Nach rechts die Stadt mit ihren zahllosen Giebeln und Dächern, nach links der herrliche Wiesengrund mit den freundlichen Landhäusern; und fern am Himmelsrande die bewaldeten Höhen, deren letzte Kuppen bläulich hinüber schimmerten.
Da drüben, an dem großen Fabrikgebäude vorüber, erkannte ich auch das Haus des Professors, dem ich meine Gefangenschaft zu verdanken hatte.
Schnöder Tyrann, dachte ich bei mir selbst, wie schwer hast du dich betrogen! Du wähnst mich im öden Dunkel der Zelle, und ich halte hier Musterung über die Herrlichkeiten des Landes! Ha, wie frei und köstlich mir diese Morgenluft die Schläfe umspielt! Stolz blicke ich von meiner Höhe herab auf die Kleinheit und Gemeinheit des Lebens! Was kriecht und krabbelt da unten? Ich glaube, der Registrator Bieler, der von seinem Morgenspaziergange zurückkehrt! Wie kläglich! Wie pygmäenhaft! Jetzt hebt er den Kopf … Ich ducke mich schleunigst … Aber es droht keine Gefahr; der Herr Registrator hat nur drüben nach der großen Uhr des Zollhauses geblickt.
»Salve!« tönt es mir plötzlich ans Ohr. Wahrhaftig, da ist er, Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler, mein Leidens- und jetzt mein Freudensgefährte. Wenn wir uns weit überbeugen und die Arme ausstrecken, so können wir uns beinahe die Hände reichen.
»Ist's nicht famos hier oben in der freien, reinen, blauenden Himmelsluft?«
»Bene dixisti«, gibt Wilhelm mit der Würde eines echten Ciceronianers zurück.
Und nun beginnt ein Stündchen der entzückendsten Umschau. Wir preisen uns gegenseitig die Reize der Landschaft; wir glossieren die Personen, die da drunten vorüber schreiten.