Samuel Heinzerlings Tagebuch.

Die sympathische Teilnahme, die sich mein unvergeßlicher Lehrer Dr. Samuel Heinzerling im deutschen Vaterlande zu erwerben wußte, hat mich veranlaßt, die Papiere meiner Schuljahre aufs neue zu durchblättern und nach Zügen zu forschen, die das erhabene Bild des trefflichen Schulmannes vervollständigen und vertiefen könnten. Werden doch neuerdings Charaktere, die sich nicht annähernd der Popularität Samuel Heinzerlings rühmen können, – most popular nannte ihn erst kürzlich die Londoner »Public Opinion«, – werden doch literarische Größen, um die sich keine Seele mehr kümmert, in ausführlichen Biographien erörtert und bis auf die Eigentümlichkeiten ihrer Fleischerrechnungen und Einladungskarten seziert: weshalb sollte nicht ein Mann von der Bedeutung Samuel Heinzerlings die gleiche Pietät von seinem Geschichtschreiber beanspruchen dürfen?

Es fällt mir da ein Heft in die Hände, auf dessen Titelseite in großen Lettern die Worte prangen: »Geographie. Nachgeschrieben in den Lehrstunden des Herrn Direktor Samuel Heinzerling. Dienstags und Donnerstags von zwei bis drei. Sommersemester.«

Was ich dem Leser im nachstehenden mitzuteilen gedenke, ist seinem wesentlichen Inhalte nach diesem Hefte entlehnt. Nur hin und wieder hat die Erinnerung einige Linien ergänzt.

Es war gegen Ende Mai. Samuel Heinzerling hatte uns eine Schilderung der politischen und sozialen Verhältnisse von Paris geliefert. Der eigentliche Geographie-Unterricht wurde bereits in den unteren Klassen erledigt: in Prima gab man unseren Kenntnissen nur die letzte Retouche. Samuel Heinzerling legte daher einen besonderen Wert auf das Kolorit. Er wünschte, uns das großstädtische Leben und Treiben, die tausendfältig sich kreuzenden Tendenzen einer rastlos jagenden Bevölkerung, die Schwierigkeiten und Wirrnisse eines so ungeheuren Gemeinwesens und ganz besonders den Kontrast zwischen der ruhigen Beschaulichkeit einer deutschen Kleinstadt und dem fiebernden Chaos der modernen Babel »plastäsch vor dä Sääle zo föhren«.

Beim Beginn der Lehrstunde, von der ich berichten will, trat er mit würdevoller Langsamkeit in das Schulzimmer, – noch würdevoller und langsamer als gewöhnlich. Auf dem Katheder angelangt, zog er einen Stoß vergilbter Blätter aus der Tasche, breitete sie sorgfältig vor sich aus und begann dann mit einer gewissen jungfräulichen Verlegenheit: