»Wer kann all die Professoren so auswendig kennen«, versetzte Möricke.
»Sei'n Sä mer ställ! Sä können öberhaupt nächt väl auswendig. Äch fahre än der Lektöre fort:
›Paräs, am värten Mai. Gestern abend beim Diner – dorchaus nächt onsere deutsche Hauptmahlzeit, sondern välmehr der römäschen coena entsprechend – machte mäch Doktor Mouchard vom Collège de France aufmerksam, wä sehr es meinen Zwecken entsprechen wörde, wenn äch mäch dem Großherzoglich badäschen Gesandten, Herrn von Prättwätz, vorstellen wollte. Doktor Mouchard schälderte mer besagten Herrn von Prättwätz als einen Mann von wahrhaft klassäscher Bäldong, der änsbesondere ein hohes Änteresse för das Stodiom der Altertömer bekonde. Er könne meine Ontersochongen öber dä grächäschen Haartrachten wesentläch fördern, zomal er eine reichhaltäge Prävatbäbläothek ond verschädene wertvolle Manoskräpte besitze; daronter ein alexandränäsches Palämpsest von höchster Bedeutong. Doktor Mouchard fögte hänzo, Herr von Prättwätz sei ein dorchaus menschenfreundlächer, ädler Charakter, frei von Dönkel ond Öbermot, – kein Sklave der Hybris, dä äns Verderben föhrt. So habe äch denn än der Tat den Entschloß gefaßt, morgen fröh elf Ohr den trefflächen Staatsmann än seiner Wohnung, rue de Berlin Nommer neun, aufzosochen ond ähm meine wässenschaftlächen Absächten des näheren vorzotragen.
Am fönften Mai, abends. Heute fröh um neun Ohr sochte äch meinen schwarzen Frack hervor, börstete ähn sorgfältäg ab, setzte meinen Zäländer auf, kaufte mer ein Paar Handschohe von gelblächer Farbe ond nahm eines der vor meinem Hotel stehenden Zweigespanne, dä, beiläufäg bemerkt, äm onbedeckten Zostande eine gewässe Ähnlächkeit mät den Wagen des Homer aufweisen.
Äch habe non von jeher än den Oblägenheiten des alltäglächen Lebens einen gewässen Hang zom Onglöck bekondet. Meine Gattän wärd mer bezeugen, daß äch, Eier essend, stets dä verdorbenen aus der Schössel hervorlange, von dem Verwechseln des Sandfasses mät dem Täntenfasse ganz zo geschweigen. Auch dä zahlreichen Verwondongen, dä äch mer dorch Gabeln, Scheren, Törpfosten ond ähnläche Änstromente zozähe, kann äch nor als das Resoltat einer latenten Neigong zom Mäßgeschäcke betrachten. Wenn mer non dergleichen schon daheim än dem trauten Kreise meiner Famälie passärt, om wäväl mehr bän äch den Dämonen des Zofalls ausgesetzt än einer Weltstadt, dä alle Sänne des Menschen än Ansproch nämmt ond ähn fast der Fähägkeit einer rohägen Öberlegong beraubt?
Äch war kaum än das Vehäkolom eingestägen, als äch, von dem Wonsche besäält, mäch betreffs des augenbläcklächen Zeitstandes zo onterrächten, nach meiner Ohr greifen wollte ond däselbe trotz aller Anstrengong nächt zo fänden vermochte. Äch berohägte mäch anfängläch bei dem Gedanken, sä sei ohne Zweifel äm Hotel auf dem Kamäne lägen gebläben. Als äch jedoch beim Aussteigen den Kotscher bezahlen wollte ond zo däsem Endzwecke nach dem kleinen Geld sochte, das äch gewöhnläch än der rechten Westentasche verwahre, da bemerkte äch zo meiner Verwonderong, daß öch öberhaupt keine Weste anhatte.
Verte! räf äch dem Kotscher zo. In meinem Hotel angelangt, fand äch dä Weste wohlbehalten am Schlössel des Kleiderschrankes, wo äch sä sorgfältäg aufgehängt hatte. För heute war es zo spät, da der badäsche Gesandte om zwölf Ohr zo fröhstöcken pflegt. Äch warf mäch daher wäder än meine Alltags- oder Stodärkleider ond gäng vergnögläch zor Bäbläothek. Morgen äst ja auch noch ein Tag. Öbrägens war dä heutäge Ausbeute auf der Bäbläothek so ergäbäg, daß äch dä kleine Enttäuschong gern än den Kauf nehme.‹«
»Herr Direktor!« rief Möricke, als Heinzerling einen neuen Zettel hervorsuchte.
»Non?«