»Hören Sie weiter. – Wenn Sie an meiner Fassung etwas auszusetzen haben, so werden wir nachher die erforderlichen Änderungen vornehmen. – Also: ›Mein Bruder Napoleon, Kaiser der Franzosen! Ich habe Ihre Rathschläge empfangen. – Ich achte sie. – Was Ihre Befehle betrifft, so bin ich König. Ich gebe Befehle, aber ich erhalte keine …‹«
»Stark, sehr stark!« murmelte der König; »aber gut, sehr gut!«
Der Bibliothekar las weiter:
»›Sie werfen mir vor, ich sei ein Freund von langem Tafeln. Ich gestehe, daß ich die substantielleren Genüsse eines wohlassortirten Tisches dem eitlen Jagen nach Gloire vorziehe. – Ich bin Gourmand, ohne ein Vielfraß zu sein: ich glaube nicht, daß ich hierdurch meiner königlichen Würde etwas vergebe. Was die Weiber anlangt, so weiß ich in der That nicht, was gerade Sie mir in diesem Punkte vorhalten könnten. Sie beklagen sich über mein Verhalten gegen die Königin: Eure Majestät konnte mich zwingen, sie zu heirathen, aber nicht, sie zu lieben. – Sie fragen, ob die Königin mir nicht vornehm genug ist. – Eure Majestät haben mir hundertmal wiederholt, nichts sei für den Bruder eines Napoleon zu groß und zu vornehm: ich dagegen habe mich nie mit einer großen Dame vermählen wollen. – Sie werfen mir vor, ich halte nicht genug auf eine meiner Stellung entsprechende Repräsentation. – Wissen Sie, das Repräsentiren ist erstens langweilig, und zweitens verträgt es sich nicht recht mit meiner Figur und meiner Tournüre – zwei Dinge, die in unserer Familie nicht besonders imposant genannt werden können‹ …«
»Das ist ein malitiöser Hieb, der ihn schwer ärgern wird,« sagte Jérôme mit hämischem Lächeln. »Du bist in der That ein beißender Satiriker, Pigault. – Ich sehe, ich darf mich in Acht nehmen, daß ich bei dir nicht in Ungnade falle.«
Der Bibliothekar mußte laut auflachen.
»Hören Sie nur weiter, Sire! – ›Übrigens habe ich meine Hofhaltung ganz nach dem Vorbilde der Ihrigen eingerichtet. Ich kleide mich, wie Sie: was wollen Sie mehr? – Der Prinz von Paderborn bringt mich mit seinen ewigen Predigten und endlosen Messen zum Gähnen. Ich werde ihn behalten, da Eure Majestät mir ihn gegeben; aber nichts verpflichtet mich dazu, mit ihm über Kirchenangelegenheiten und andere Dinge zu sprechen, von denen ich nichts verstehe und nichts verstehen will. Ich überlasse das dem Herrn Cultusminister. – Was Merfeldt anlangt, so habe ich ihn zum Präfecten von Hannover ernannt, denn er ist ein vorzüglicher Verwaltungsbeamter, ohne ein angenehmer Chambellan zu sein. Im Übrigen liebe ich es, die für meinen persönlichen Dienst bestimmten Personen ganz nach meinen augenblicklichen Bedürfnissen auszuwählen. Gezeichnet: Jérôme Napoleon.‹«
»›Gezeichnet‹ …?« rief der König. »Aber das ist ja der brutalste Kanzleistil.«
»So schreiben wir: ›Genehmigen Sie die Versicherung meiner vorzüglichsten Hochachtung.‹«
»Mit dieser Formel begrüßt man seine Untergebenen.«