»Aber das ist unerhört,« sagte Fürstenberg.
Der Gouverneur zuckte die Achseln. »Ich wiederhole Ihnen, es ist nicht meine Schuld,« entgegnete er. »Das Decret lautet wie folgt:
»›Cabinetsbefehl des Kaisers. Unser Aide-de-Camp, der General Rapp, Gouverneur von Danzig, wird sofort nach Cassel abreisen und daselbst den Obersten Müller, Kommandanten der königlichen Garden, zu sich citiren. Er wird mit besagtem Müller unverzüglich zum König gehen und Seine Majestät diesem Officier zur Bewachung übergeben. Der König wird achtundvierzig Stunden im Arrest bleiben. Pigault-Lebrun, der Verfasser des flegelhaften Briefes, den unser Bruder uns geschrieben hat, wird zwei Monate lang ins Gefängnis gesteckt und dann unter sicherer Bedeckung nach Frankreich transportirt werden. Wir ertheilen unserm Aide-de-Camp Generalvollmacht, die westphälischen Truppen in Anspruch zu nehmen, falls man sich in wahnwitziger Verblendung der Ausführung unserer Befehle widersetzen sollte. Gezeichnet: Napoleon.‹«
Jérôme sank vernichtet in seinen Fauteuil zurück. Pigault-Lebrun runzelte die Brauen und ballte die Fäuste. Fürstenberg und Winzingerode sperrten Mund und Nase auf. Melanie weinte. Die kleine Heberti warf einen Blick der grenzenlosesten Verachtung auf ihren Liebhaber und erhob sich stolz aus dem Sessel.
»So haben wir hier weiter nichts zu suchen!« sagte sie kalt. »Herr Commandant, thun Sie Ihre Pflicht.«
Der Aide-de-Camp des Kaisers verabschiedete sich, und Jérôme schwankte in Begleitung des Obersten Müller nach seinen Gemächern, um sie erst nach abgebüßter Strafe wieder zu verlassen. Die Ermächtigung, die der Kaiser dem General Rapp ertheilt hatte, im Nothfalle Truppen zu requiriren, war eine überflüssige Maßregel. Der gute Jérôme parirte wie ein wohlerzogenes Kind; seine friedliche Seele war himmelweit entfernt von jener ›wahnwitzigen Verblendung‹, die das allerhöchste Decret vorsehen zu müssen glaubte. Ah, hätten die ehrfurchtsvollen Unterthanen des Königs von dem unerhörten Schauspiele, dessen Theater der königliche Palast, dessen leidender Held ihr vielgeliebter Jérôme war, eine dämmernde Ahnung gehabt! Es ist doch gut, daß der Pöbel nicht in alle Geheimnisse der Diplomatie eingeweiht wird!
Pigault-Lebrun wurde in den Kerker geworfen. Eine nachträgliche Ordre des Kaisers verbot dem gesammten Hofpersonal, den Gefangenen zu besuchen. Der König schrieb seinem gestrengen Bruder einen demüthigen Brief, in welchem er hundertmal um Verzeihung bat und um die Freilassung seines Vertrauten flehte. Umsonst. Der Kaiser ließ ihm antworten, Pigault werde seine zwei Monate absitzen und alsdann unverzüglich das Land verlassen. Nach langem Betteln gestattete er dem König, den Bibliothekar bei sich zu behalten, falls derselbe gesonnen sei, einen weitern Monat hindurch im Gefängnis zu schmachten. Pigault war mit Freuden bereit. Das Leben am westphälischen Hofe bedünkte ihm jedes Opfers werth.
Am 22. November 1810 war seine Marterzeit vorüber. Blaß und abgemagert trat er vor seinen Gebieter und lächelte ein schmerzliches Lächeln.
»Nicht wahr, Sire,« sagte er, »künftighin besinnen wir uns zweimal, ehe wir einen Brief zur Post geben?«
Jérôme seufzte.