»Mein Haus steht Ihnen und Ihrer Dame jederzeit zur Verfügung,« erwiderte Goguenard, indem er Herrn Jules freundschaftlich die Hand reichte. »Sobald der Moment gekommen ist, winken Sie! Ich werde die Feuerspritze im Sturm nehmen und Fräulein Marion so meisterhaft verstecken, daß alle Häscher des Tyrannen von Clatou nicht im Stande sein sollen, das Geheimnis zu enträthseln.«
»Ich danke Ihnen, Goguenard! Also es bleibt dabei! Vorwärts mit Gott für Freiheit und Gressinet!«
»Und Marion Leclerc!« ergänzte der Wirth mit einem vielsagenden Lächeln. »Erst freilich kommt der Patriotismus – aber gleich dahinter folgt Amor! Nicht wahr, Verehrtester? Die Liebe glüht fast ebenso heiß wie das Pflichtgefühl?«
»Sie sind ein kleiner Schwerenöther!« sagte Jules, indem er sich erhob. »Komm, Croquepeu, wir haben heute genug geleistet! Laß uns den Rest des Abends unserm Journal widmen!«
Croquepeu leerte sein Glas, hing seinen Arm in den des Handlungsdieners und verließ in bedenklichem Menuetschritt die Schenke des würdigen Goguenard, der artig sein Käppchen lüftete und seinen scheidenden Gästen und Gesinnungsgenossen ein lebhaftes »Auf Wiedersehn!« nachrief.
Fünftes Kapitel.
Mehr als zwei Monate waren verflossen. Der große Tag von Sedan hatte das übermüthige Frankreich belehrt, daß man nicht ungestraft mit dem Glück einer friedlichen Nation spielt. Unaufhaltsam drangen die siegreichen Heere der Deutschen vorwärts. Paris, die Metropole, in deren Schooß das frevelhafte Unterfangen der Kriegserklärung herangereift war, Paris, die eigentliche Urheberin des fluchwürdigen Verbrechens, war bereits von dem ehernen Ringe der Belagerung vollständig umzingelt. Immer neue Heeresmassen wälzten sich von Osten her über das unglückliche Land, das seinen Übermuth nun so furchtbar zu büßen hatte. Fast jeder Tag brachte die Nachricht von einem neuen Erfolge der deutschen Waffen. Wo der Adler der Hohenzollern sich zeigte, da zerstoben die demoralisirten Schaaren der Gallier wie Spreu vor dem Winde und trugen die blasse Angst und das zitternde Entsetzen weiter in die Reihen ihrer zagenden Brüder. Ganz Frankreich befand sich in einem Zustande der Aufregung, der Wuth, der Verzweiflung, dessen düstere Färbung nur mit der Feder eines Dante nachgemalt werden könnte.
Auch Gressinet fühlte sich zum ersten Male als Mitglied eines großen gemeinsamen Vaterlandes und schrie mit Jules Favre: »Keinen Fuß breit unseres Bodens! Keinen Stein unserer Festungen!« Der ›Unverzagte Streiter von Gressinet‹ beschäftigte sich eifrig mit der Frage, was zu thun sei, wenn man die Preußen wieder über den Rhein getrieben habe, und verfocht die Ansicht, man müsse sich mit der Annexion der bayerischen Pfalz begnügen, da eine Eroberung preußischen Gebietes zu erneuten Kriegen Anlaß geben würde. Ja, Croquepeu ging schließlich so weit, den Verzicht auf jede Grenz-Erweiterung zu empfehlen, und die Entrichtung einer Kriegsentschädigung von acht Milliarden als diejenige Bedingung zu bezeichnen, deren Erfüllung den besiegten Barbaren am leichtesten fallen würde. Dem bekannten Sprüchworte von den goldenen Brücken zufolge, müsse er als echter Patriot immer wieder auf diese acht Milliarden zurückkommen. »Frankreich,« so schloß Croquepeu eines Tags wörtlich, »ist das Land der Großmuth par excellence! Zeigen wir dem staunenden Europa, daß wir trotz der schmachvollen Übergriffe unserer Feinde diese unsere Nationaltugend nicht verlernt haben!«
Bildeten indeß die kriegerischen Ereignisse einen hochwichtigen Faktor in den Materien des ›Unverzagten Streiters von Gressinet‹, so ward um dieser äußeren Angelegenheit willen das Innere des Gressineter Gemeinwesens keineswegs von der Tagesordnung verwiesen. Im Gegentheil. Die municipale Fehde mit Clatou wogte jetzt lebhafter denn je. Der ›Unverzagte Streiter‹ behauptete, es sei ein evidenter Mangel an Vaterlandsliebe, wenn der Maire sogar im Angesichte des Feindes sich weigere, die Selbstständigkeit Gressinets anzuerkennen und die Feuerspritze herauszugeben; – während der ›Clatouneser Beobachter‹ die Emancipationsbestrebungen der Gressineter unter den obwaltenden Verhältnissen zwiefach hochverrätherisch und unpatriotisch fand und die Einwohner der Colonie als »Spione Bismarck's« verdächtigte …