»Aber ich verstehe immer noch nicht.«

»O menschliche Beschränktheit! Wäret ihr nun gleich zur Stelle gewesen, so würde Alles wie am Schnürchen gegangen sein. Aber nein! Minute um Minute verrinnt. Ich horche: nichts! Ich lausche: nichts! Ich gucke: nichts! Absolut nichts! Nun, Marion konnte doch nicht von neun bis zwölf unausgesetzt in meinen Armen liegen und schluchzen. Sie geht also nach dem nächsten Fauteuil und nimmt Platz. Ich nehme auch Platz. Nun fängt mir das Mädel an, zu überlegen. Sie malt sich die Folgen ihrer Flucht immer lebhafter und bedenklicher aus. Sie blickt ernst und ernster … ›Was fehlt dir, Marion?‹ frag' ich besorgt. ›Ach nichts, liebster Jules!‹ stammelt sie verlegen und ängstlich. Immer schweigsamer starrt sie in die Ecke … Es schlägt zehn … Es schlägt elf … ›Ach, Jules, … mir ist so bange …!‹ ›Warum denn?‹ – ›Ach, Jules, was wird der Onkel sagen?‹ … Und so ach-Jült sie mir weiter, bis ich im Hof eure Tritte höre … ›Auf, Geliebte! Der Moment ist da!‹ ruf' ich in unterdrücktem Jubeltone. Ja wohl! Hat sich was zu jubeln! ›Ach Jules,‹ sagt sie, ›ach Gott, ach, ich getrau' mir's nicht … Ach Jules, es ist Sünde! Ach, der Onkel bringt mich um … Nein, nein, ich thu's nicht, ich thu's nicht!‹ Vergeblich demonstrir' ich ihr vor, daß Liebe kein Verbrechen sei; daß es sich ja nur um einen listigen Schachzug handle, der uns die Partie gewinnen solle … Sie bleibt bei ihrem ›Nein, nein, ich thu's nicht!‹ – und damit Basta!«

»O Weiber, Weiber!« rief Croquepeu pathetisch.

»Ja, jetzt hast du gut über Weiber schimpfen, du pflichtvergessener Kinderfuchtler! Wer ist denn an der ganzen Geschichte Schuld? Ihr! Ihr!«

»Aber wir dachten …«

»Ihr habt nichts zu denken! Ein Mann, ein Wort! Wer sich verabredet, der hat seinem Versprechen zu genügen, sonst ist er nicht werth, Bürger von Gressinet zu sein.«

»Nun, da hast du sie also sitzen lassen?« fragte der Schulmeister neugierig.

»Sitzen lassen? Wie verstehst du das? Meiner Liebe thut das nicht Abbruch. Im Gegentheil! Ich weiß die Motive des Mädchens zu würdigen …«

»Aber sagen Sie einmal, Herr Jules,« rief jetzt einer der Umstehenden, »das ist ja das erste Wort, das wir hören! Was? Sie haben mit einer Clatouneserin zu schaffen?«

»Ja, Kameraden. Hat Goguenard euch nicht heute Nachmittag in dieses Geheimniß eingeweiht? Ich autorisirte ihn.«