Die Gressineter bewiesen jetzt durch die That, daß dieses erhebende Wort ihres Stimmführers keine gehaltlose Phrase war.

»Die Feuerspritze von Gressinet!« jauchzten die Clatounesen … »Rasch, rasch, ihr Wackeren, eh' es zu spät wird!«

Majestätisch rollte die roth und blau lackirte Feuerspritze vor die Mairie. Im Nu war Wasser in Hülle und Fülle zur Hand. Die Gressineter hatten nicht umsonst den Pfarrer von Clatou zum Ziel ihres Strahles genommen! Mit derselben Accuratesse, die damals den Diener der Kirche verunglimpfte, richteten sie nun den rettenden Schlauch in die Flammen. Ha! wie zischte und knirschte das wüthende Element unter den gewaltigen Fluthen des rastlosen Sprührohres! Wie prasselte das siegreiche Naß in die lodernden Sparren des Dachstuhls! Eimer um Eimer verschwand in dem ölgestrichenen Bauch der gebenedeiten Maschine, und Eimer um Eimer entlud sich in die immer schwächer werdende Glut. Ganz Clatou bildete eine einzige große Kette, die sich alle möglichen und unmöglichen Gefäße von Hand zu Hand reichte … Nach Verlauf einer Viertelstunde war die Mairie und ein daranstoßendes Wohnhaus – die am meisten gefährdeten Baulichkeiten des schwer geprüften Städtchens – glücklich gerettet.

Inzwischen hatte das Feuer freilich an den übrigen Punkten um sich gegriffen, aber das Schwierigste schien überwunden … An dem isolirt stehenden Spritzenhause war wenig gelegen; die beiden Privathäuser stießen dicht aneinander und konnten abwechselnd mit erfrischenden Güssen bedacht werden. Überdies traf jetzt aus einem der benachbarten Dörfer Hilfe ein. Nach kurzer Frist arbeitete eine zweite Pumpe an der Seite der roth und blau lackirten Gressineterin, und ehe der metallene Mund der Glocken die sechste Morgenstunde verkündete, beschränkte sich der Brand auf einige qualmende Scheiter, die man vermittelst der städtischen Feuerhaken vom Firste eines der betroffenen Häuser heruntergerissen hatte. Der angerichtete Schaden belief sich auf eine verhältnismäßig unbedeutende Summe: Clatou konnte mit seinen Schutzgöttern zufrieden sein.

Als die Spritze von Gressinet ihren letzten Strahl entsandt hatte, als Jules Pierrot, vor Eifer und Anstrengung glühend, sein Taschentuch zog, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, da trat Herr Clamard, der Maire, auf ihn zu, umarmte ihn im Angesicht des versammelten Volkes und sprach also:

»Bürger der Gemeinde Clatou! Bürger der Gemeinde Gressinet! Laßt uns alle Streitigkeiten, die uns bisher trennten, in diesem erhebenden Augenblicke zu Grabe tragen! Ihr, wackere Gressineter, habt Anspruch auf unseren wärmsten, thatkräftigsten Dank. Ich erkläre euch hiermit feierlichst, daß ich mich an geeigneter Stelle verwenden werde, um eure communale Selbständigkeit dauernd und in allen Punkten zu begründen. Ihr seid meiner väterlichen Obhut entwachsen. Gut denn! Wenn ihr nicht länger meine Kinder sein könnt, so laßt uns treue Freunde und engverbundene Nachbarn sein!«

Donnernder Applaus. Die Gressineter sanken sich unter Thränen der Rührung in die Arme und riefen: »Es lebe der Maire von Clatou! Es lebe Gressinet!«

»Bürger!« fuhr der Maire fort, »es ist Sitte, die Versöhnung zweier Völkerschaften durch das Weben zarter Privatbande so zu sagen symbolisch zu versinnlichen. Bürger! Seht diesen entschlossenen, charakterfesten, patriotischen jungen Mann! Ich bin Herrn Jules Pierrot in mehr als einer Beziehung eine Genugthuung schuldig. He, Marion, wo steckst du?«

Marion trat vor. Ein zierliches, pelzverbrämtes Mäntelchen umschloß die anmuthig-schlanke Gestalt mit vollendeter Grazie. Die Röthe der jungfräulichen Verwirrung lieh der ganzen Erscheinung etwas Berückendes.

»Bürger!« rief Monsieur Clamard mit immer steigendem Pathos, indem er mit der Linken die Hand seiner Nichte, mit der Rechten die des hochbeseligten Jules ergriff … »Bürger! Die jungen Leute hier lieben sich …«