Das wußte Mariane und das verbrecherische Weib, welches, um mit einem Räuber buhlen zu können, Ehre und Gewissen von sich geworfen hatte, sank ohne Bewußtsein hin, als jetzt der scheußliche Jockel seiner thierischen Lust mit roher Gewalt und zügelloser Frechheit sich überließ.

Es begann schon zu tagen, als Mariane sich wieder erholte. Sie war allein, sie raffte alle ihre Kräfte zusammen, und floh dem Hause zu, bei jedem Schritte vor der Verfolgung des Schändlichen zitternd. Hastig verriegelte sie ihre Kammerthüre, und warf sich aufs Bett.

Ein Schlaf von mehreren Stunden stärkte sie wieder, aber der Schreck machte sie beinahe zusammenbrechen, als sie sich überzeugte, daß der Bösewicht ihren ohnmächtigen Zustand auch dazu benutzt habe, ihr die eingenähten Edelsteine und alles Gold, was ihr vom Kaufe der Kleider und Waffen noch übrig geblieben war, zu rauben.

Sie sah, um für Lips Tullians Rettung das Möglichste thun zu können — und dazu war Geld eine höchst nöthige Sache — kein anderes Mittel, als den weiten Weg zur Felsenschlucht wieder zu machen, und dort Kleinodien auszugraben.

Bei dem Gedanken, wie sehr Lips Tullians Freiheit dadurch verzögert werde, brach sie in lautes Weinen aus. Die Wirthin hörte ihr Schluchzen, sie eilte zum Troste, zur Hilfe herbei und forschte mit der liebevollsten Gutherzigkeit nach der Quelle so tiefer Betrübniß. Mariane vertraute ihr alles.

Schweigend eilte die Wirthin fort, kehrte mit 300 Thalern in verschiedenen Goldmünzen zurück, und drang ihr diese Summe auf. Mit der Rückgabe, meinte sie, habe es wohl Zeit, auch sei ihr nicht bange dafür, doch wünsche sie sehr, die Sache solle ihrem Manne verschwiegen bleiben, da er kein Freund des Ausleihens sei.

Noch an diesem Tage eilte Mariane auf die Meisterei, wo auch in der folgenden Nacht der Wirth mit seinem Einspänner sich einfand.

Lips Tullian wurde durch Marianens Muth und Schlauheit befreit. Glücklich erreichte er mit seinen Gefährten die Meisterei. Man gönnte sich kaum so viele Zeit, um das schon bereitete Mahl zu verzehren und einige Flaschen zu leeren. Wohlgekleidet und wohlbewaffnet eilte die kleine Bande fort, und beurkundete durch Mord und Brand, an den unglücklichen Einwohnern von Libert ausgeübt, die traurige Wahrheit, daß fast immer der Verbrecher, durch Gnade oder Gewalt über die Schwelle seines Kerkers tretend, mit erneuerter Gierde die abgerissenen Fäden eines lasterhaften Lebens zu einem neuen, dichten Gewebe verschlingt.

[34] Siehe die [Abbildung].