Dem Herbergewirth gab sie einige Ringe, und dieser, mit allen Diebshehlern in weiter Umgebung vertraut, machte sich gleich auf den Weg, die Edelsteine zu verwerthen. Er kam schon am zweiten Abend mit einer Summe von 2000 fl. in Gold zurück, ging auch am andern Tage mit Jockel fort, um Kleider und Waffen zu kaufen, wovon sie auch einen Vorrath für eine kleine Bande brachten.
Es wurde nun beschlossen, daß Jockel zu einem gewissen Andreas Schmidt, der eine Meile von Dresden wohnte, ein Wasenmeister und der verlässigste Diebshehler war, voran gehe, um ihn für Lips Tullians Befreiung zu Rath und That aufzufordern; daß Mariane in der nächsten Nacht folge und der Herbergewirth die erkauften Kleider und Waffen auf seinem einspännigen Fuhrwerke so geheim als möglich in die Meisterei schaffe.
Reisefertig stand Jockel um die Mitternachtsstunde vor Marianen in der Zechstube, Abschied zu nehmen. Während der Wirth nach dem Keller eilte, um zur Reisezehrung noch eine Flasche Branntwein zu holen, öffnete Jockel ein Fenster, führte Mariane an dasselbe, that, um nicht die Aufmerksamkeit der anwesenden Wirthin rege zu machen, als ob er eine Gegend bezeichne, und flüsterte ihr zu, er müsse sie noch allein sprechen, um sie vor einer großen Gefahr, die ihr in diesem Hause drohe, zu warnen; er erwarte sie unter der großen Eiche hinter dem Stalle, wohin sie aber erst in einer Stunde sich schleichen solle, damit die Wirthsleute schon zu Bette seien und nicht Argwohn schöpfen. Mariane nickte ihm ihr Ja zu und Jockel, vom Wirthe noch mit Branntwein und kalter Küche begabt, wanderte fort.
Eine Stunde war verflossen, und Mariane, von Neugierde und Unruhe heftig bewegt, eilte auf Socken zur Eiche hin, an deren Stamme ihr das schimmernde Sternenlicht Jockels dunkle Gestalt zeigte. Hastig forschte sie, was er ihr zu vertrauen habe.
Jockel legte den Finger an den Mund, zeigte auf die Fenster der nahen Herberge hin, bat Marianen um alles, ja kein Geräusch zu machen, und zog die unruhig Folgende hinter der Eiche fort in die nahen Gebüsche. Da umfaßte er sie rasch, drückte ihr die Spitze seines Messers auf die Brust[34] und drohete, sie niederzustechen, wenn sie sich ihm nicht ergebe.
Mariane war keines Wortes mächtig; der Schreck, der Abscheu hatten ihr die Kehle zugeschnürt.
Marian̄ens Überfall.
Jockel war von so furchtbar häßlichem Aussehen, daß auch die feilste Dirne vor seiner Umarmung zurückbebte; mit dieser Häßlichkeit vereinte er, wie Mariane ihn schildern gehört hatte, eine Halsstarrigkeit, einen Jähzorn, eine Blutgierde, die ihn selbst von den Verwegensten der Bande gefürchtet machte; wer seinen Lüsten, seiner Hitze, seiner Rachsucht verfiel, war ein rettungsloses Opfer.