Mariane horchte hoch auf, sie glaubte niedersinken zu müssen, als sie unter den jüngsten Ereignissen die Verhaftung eines Bandkrämers, seine Ablieferung auf den Festungsbau zu Dresden, und eine so genaue Beschreibung des Abgelieferten hörte, daß sie, Zug für Zug, ihren Lips Tullian in selbem erkannte. Sie wandte sich zur Seite, sie legte den Kopf in die Hand, als ob sie schliefe, um die Blässe ihres Gesichtes der Aufmerksamkeit der Anwesenden zu entziehen und zu entsinnen, was nun zu thun sei.

Das Gespräch der Leipziger ließ ihr keinen Zweifel übrig, daß ihr Lips Tullian in den Händen der Justiz sei. Sie durfte nicht wagen, nach Leipzig zurück zu kehren, da dort eine Frage nach Lips Tullian die Aufmerksamkeit würde rege gemacht und auch ihre Verhaftung zur Folge gehabt haben; doch wollte sie, um einen festen Entschluß zu fassen, ihrer Sache auch ganz gewiß sein.

Die Wirthin hatte sich in das Gespräch über den verhafteten Bandkrämer gedrängt, um auch mit geläufiger Zunge ihr Scherflein zu liefern, da sie eben in Leipzig bei Lips Tullians Verhaftung gegenwärtig war. Zur Wirthin ging nun Mariane in die Küche, bestellte ein Nachtessen, ein eigenes Zimmer mit gutem Bette, überbot die Wirthin in der Redelust, lenkte das Gespräch recht fein auf den ihr wichtigen Gegenstand, und hatte bald die vollkommenste Ueberzeugung, daß für sie in Leipzig nichts mehr zu thun sei.

Mariane verlor weder Kopf noch Muth; sie ließ sich Nachtessen und Wein trefflich schmecken, und verschwand mit ihrem Bandkasten mit solcher Gewandtheit aus dem Wirthshause, daß die zahlreichen Gäste, die immer ab und zu gehenden Wirthsleute sie zu Bette glaubten, als die Eilende schon eine große Strecke auf der erst vor einigen Stunden verlassenen Straße zurückgelegt hatte.

In der zur Zusammenkunft bestimmten Herberge fand Mariane den so eben eingetroffenen Jockel, aber nicht Einen der Bande mit ihm.

Jockel war rastlos an der Gränze hin und her gezogen, ohne zerstreute Kameraden zu treffen, auch die Werbung war ihm mißlungen, da die Furcht vor der so aufmerksamen Obrigkeit selbst die liederlichsten und leichtsinnigsten Bursche, wenigstens für diesen Augenblick, von Gaunerei, Raub und Einbrüchen zurückschreckte.

Jockel wüthete, als er Lips Tullians Verhaftung hörte. Er selbst war vor mehreren Jahren auf dem Festungsbau zu Dresden gewesen, kannte die Festigkeit der Gefängnisse, die strenge Aufsicht der Steckenknechte, die Aufmerksamkeit der zahlreichen Militärwache, und würde, wie er mit einem derben Fluche betheuerte, dort sein Hundeleben an der Karre verschleppt haben, wäre es ihm nicht gelungen, bei seiner Ablieferung zu einer Confrontation nach dem Amte Frauenstein seinen Geleitsmann mit der Handschelle zu erschlagen, und zu entspringen.

Mariane ließ sich alles, was Jockel über die Gefängnisse und Lebensweise der Baugefangenen anzugeben wußte, auf das Allergenaueste mittheilen. Im Schlusse der Mittheilung versicherte sie, nach langem Sinnen, mit dem Ausdrucke der Ueberzeugung und Freude, der baldigen Befreiung ihres Lips Tullians mit Zuversicht entgegen sehen zu dürfen; auf den Umstand, daß die Baugefangenen im Freien täglich eine kurze Weile ruhen und von fremden Leuten Brod kaufen dürfen, gründete sie ihre listigen Pläne.

Das Allernothwendigste schien ihr nun, Voranstalten zu treffen, daß Lips Tullian und auch die andern, deren Entweichung aus der Kasematte sie zu bewirken beschloß, gleich nach ihrer Befreiung Waffen, Kleidung und Geld fänden.