Arme Thörin!

Du weinst vor einem ausgelernten Mörder;

Es ist das Aergste nicht, was ich gethan.

Th. Körner.

Als Mariane Leipzig verlassen hatte, um Sarberg oder einen der übrigen Unteranführer aufzufinden, Nachricht über die Bande einzuholen und für Lips Tullian Geld zu schaffen, wurde sie in einem Walde von einem Kerl angefallen, und ihr unter Androhung schneller Ermordung Geld abgefordert. Mariane erkannte in dem Straßenräuber den großen Jockel, einen der Verwegensten und Schlauesten von Lips Tullians Bande. Sie nannte ihren und Lips Tullians Namen. Der Kerl tanzte wie unsinnig um sie her, doch löste sich seine große Freude über eine Nachricht von dem lange ersehnten Häuptling bald in Schmerz und Zorn auf; mit wildfunkelnden Augen und vor Ingrimm stotternd, erzählte er ihr Sarbergs und der Uebrigen Gefangennehmung; auch daß keine Bande mehr sei, indem alle, durch den Verlust ihrer Anführer, durch die rastlosen Streifzüge des Militärs und der im ganzen Sachsenlande aufgebotenen Jäger und Bauern entmuthigt, sich theils einzeln, theils in kleinen Gesellschaften aus diesem Lande gezogen haben, und nur zuweilen über die Gränze kommen.

Mariane hieß ihn schnell sich dahin verfügen, wo er doch einige der Bande zu finden glaubte, diesen Lips Tullians Rückkunft von Spaa anzukündigen, und entweder so viele von den Zerstreuten zu vereinen, oder so viele Neue zu werben, als ihm binnen acht Tagen möglich sei. Sie bestimmte eine vertraute Herberge zu ihrer Zusammenkunft, und Jockel eilte der Gränze zu, Mariane nach der Oberlausitz, und suchte die Felsenschlucht auf, in welcher Sarberg ihres Gatten Antheil an dem Raube im gräflich Beuchling’schen Palaste zu Dresden vergraben hatte.

Glücklich fand sie die Schlucht und die vergrabenen Schätze, nahm an Diamanten und Goldeffecten so viel, als ihr nöthig schien, nähte alles sorgfältig in die Unterkleider ein, und nahm im nächsten Dorfe, Kränklichkeit und Entkraftung vorschützend, ein eigenes Fuhrwerk auf, um Leipzig schnell zu erreichen, und ihrem Lips Tullian die traurige Kunde von der Gefangenschaft seiner vertrautesten Freunde und von der Auflösung der Bande zu bringen.

Eine Meile außerhalb Leipzig lohnte sie den Fuhrmann ab und trat in das nächste Wirthshaus, wo sie bis zum Herandunkeln des Abends bleiben wollte.

Stille nahm sie gleich bei der Thüre ihren Bandkasten ab, setzte sich in eine Ecke, und forderte ein Glas Wein. Nicht fern von ihr saßen einige Männer, aus deren Gespräche Mariane sie als Handwerker aus Leipzig erkannte, die sich hier bei Braten und Wein einen frohen Abend machten.

Die Leute waren recht gesprächig. Von dem großen Bereiche der Politik kamen sie in den engen Raum ihres Werkeltags-Lebens, ihrer Frauen und der Kinderstuben, glossirten über die Neuerer in ihren Innungen, hechelten die schlechten Zahler, die Theuerung der Victualien, die unchristlichen Gastwirthe, den Hochmuth der Großen, die Liederlichkeit der Kleinen durch und bearbeiteten nun die Tagesneuigkeiten.