Lips Tullian wäre gern Jahre lang in dieser ärmlichen Hütte geblieben, die ihm Margarethens Nähe und die Hoffnung auf so manche süße Stunde schon jetzt zu einem Eden machten.
Es war am Morgen des dritten Tages, als der Köhler, der schon mit der Morgenröthe in den Wald gegangen war, verdrüßlich zurückkam, und Margarethen gebot, ihm seinen Sack, in welchem er jederzeit bei längerer Entfernung vom Hause Lebensmittel mit sich trug, mit Brod, geräucherter Wurst und Branntwein zu versehen. Zugleich erzählte er, auf dem Arbeitsplatze von den herrschaftlichen Jägern aufgesucht, und zum Streifzuge gegen die Tullian’sche Bande befehligt worden zu sein, mit dem Beisatze, daß längstens in einer Stunde die noch aufgebotenen Köhler, wie auch die Jäger und Gerichtsdiener sich hier zur Versammlung einfinden werden.
Erbleichend und zitternd blickte Margarethe auf Lips Tullian hin, der aber Besonnenheit genug hatte, die thätige Wachsamkeit der hochpreislichen Obrigkeit höchst lobenswürdig zu finden, zugleich aber erklärte, seines Bleibens dürfe hier nicht länger sein, weil er sonst befürchten müsse, bei dem Meister, der ihn zur Arbeit verschrieben habe, zu spät einzutreffen.
Während des Packens seiner Habseligkeiten, wobei sich Margarethe sehr geschäftig zur Hülfe anließ, flüsterte sie ihm zu, um die Hütte zu gehen, und am Holzstalle ihrer zu harren.
Lips Tullian nahm Abschied und hatte alle Mühe, dem Alten, der sich ihm zur Begleitung bis zur Martersäule, von wo aus der Weg nach der Landstraße nicht mehr verloren werden könne, aufdringen wollte, von diesem Vorhaben abzubringen.
Er ging an den bezeichneten Platz. Nach einigen Augenblicken kam Margarethe, legte eine Leiter an und bedeutete Lips Tullian durch Winke, das Bodenloch des Holzstalles zu erklettern, und sich dort bis zu ihrer Wiederkunft sehr ruhig zu verhalten. Als er oben war, verbarg sie schnell die Leiter und schlüpfte in die Hütte.
Lips Tullian hörte aus seinem Verstecke das Herankommen vieler Menschen, hörte oft seinen Namen mit den heftigsten Verwünschungen nennen und wurde sehr unruhig, als die Leute sich unter einander erzählten: es sei im Umkreise einiger Stunden solch ein Zusammenfluß von Militär, Jägern, Gerichtsdienern und Bauern, daß die ganze Gegend von Streifzügen wimmle.
Es wurde ihm wieder besser zu Muhte, als eine kräftige Stimme den Aufbruch gebot und bald hatte sich das Geräusch der Dahinziehenden in der Ferne verloren.
Margarethe gab ihm ein Zeichen, herabzukommen. Er wartete nicht das Anlegen der Leiter ab, sondern schwang sich behend von dem Balken herab. „Du mußt fliehen, auf der Stelle fliehen,“ — sagte Margarethe, zog ihn in die Hütte, riß einen Schrank auf und packte Kleider und Wäsche in einen Bündel — „aber ich fliehe mit Dir. Willst Du, daß ich bleibe, so tödte mich, denn ohne Dich wäre mein Leben ein ununterbrochener Tag der Trauer, des Schmerzes, der höchsten Sehnsucht nach Dir. Ich bettle, ich stehle, ich morde für Dich, meine Seligkeit opfere ich Dir auf, aber ich muß in Deiner Nähe sein. Ich führe Dich einen Weg, wo kein Späher Dich ersehen, kein Häscher Dich fangen wird. Ich kenne den Weg in jene Gegend, wo Du, wie Du mir gestern vertrautest, verborgene Schätze besitzest, sehr genau, da ich gerade in jener Gegend schon zweimal mit meinem Nährvater war, der dort eine kleine Erbschaft erhob. Fast immer durch Wälder leite ich Dich. Da, wo man Dörfer und Weiler nicht umgehen kann, darfst Du mit deiner Kundschaft ohne Besorgnisse wandern; ich nehme, um kein Aufsehen zu erregen, andere Wege, und wir einigen uns wieder an bestimmten Orten. So, das Wenige, was ich besitze, ist nun in diesem Bündel, jetzt laß uns die Reise antreten!“ —
Schweigend hatte Lips Tullian Margarethens ihm wohlgefällige Rede gehört, es wäre ihm gar zu schwer geworden, sich von der reizenden Dirne zu trennen, und ihre Schlauheit, ihren Muth und Gewandheit recht gut erkennend, glaubte er überzeugt sein zu dürfen, daß ihre Gesellschaft für ihn einst sehr vortheilhaft werden könne.