Im Branntweinrausche bestätigte Lips Tullian das Todesurtheil, und Margarethe wäre das Opfer der grausamsten Eifersucht geworden, hätte sie nicht das Glück gehabt, das morsche Gitterfenster des Kellers, worin sie verwahret wurde, zu durchbrechen und unbemerkt zu entfliehen.

Der Köhler, bei welchem sie jetzt lebte, fand sie, vor Hunger, Durst und Ermattung beinahe am Rande des Grabes, kaum mehr zu flüstern fähig, in der Nähe seiner Hütte unter einem Baume. Er trug sie unter sein Dach, gab ihr Nahrung und Pflege, und nahm die Verlassene als Tochter und Wirthschafterin an, da sein Weib und seine Kinder schon lange hinübergegangen waren. Aus einer liederlichen, arbeitsscheuen, buhlsüchtigen Dirne wurde Margarethe unter der väterlichen Leitung des gutherzigen, frommen Köhlers ein arbeitsames, sittiges Mädchen, das einfache Stillleben, die Ruhe, die Einsamkeit des Waldes immer mehr liebend und den kleinen häuslichen Geschäften, der Pflege ihrer wenigen Blumen und dem schuldlosen, süßen Umgange mit der Natur sich aus voller Seele widmend.

So waren beinahe vier Jahre verflossen, aber die Erinnerung und die sehnsüchtigen Wünsche, Lips Tullian, den Gegenstand ihrer heißesten Liebe, wiederzusehen, noch immer nicht ganz ihrem Herzen entschwunden. —

Da stand der Mann vor ihr, dessen Bild sie in der Tiefe ihrer fühlenden Seele so lebendig und so treu bewahrt hatte.

Das Mädchen war so reizend, daß der sinnliche Lips Tullian kein Verlangen nach Labung, keine Schwäche fühlte. Er tauchte die begehrenden Augen in die reiche Fülle des fast unverhüllten Busens, der üppigen Formen, des blühenden Gesichtes voll Liebreiz; seine Küsse, seine Umarmungen wurden immer feuriger, und Margarethe, trunken von der Wonne des Wiedersehens, wäre schon in diesem Augenblick das willige Opfer des Aufgeregten geworden, hätte nicht die rufende Stimme ihres Nährvaters sie ihrem Sinnentaumel entrissen.

Hastig flüsterte ihr Lips Tullian die Weisung zu, ihn als einen Blutsverwandten, der von ihrem Aufenthalte in dieser Köhlerhütte gehört habe, und vor seiner Wanderung ins Ausland zum Abschiedsbesuche gekommen sei, dem Alten bekannt zu machen.

Der schlichte, treuherzige Waldmann glaubte alles, was Margarethe über ihren Vetter mit geläufiger Zunge ihm erzählte, reichte Lips Tullian wie einem alten Bekannten, mit einem herzlichen Gruße die kohlenfarbige Hand und forderte gleich mit dem gutmüthigsten Ungestüme, daß der willkommene Vetter seiner guten Pflegetochter einige Tage bei ihm weile und mit dem sich begnüge, was Armuth und guter Wille bieten könne.

L. Oeser in Neusalza.
Die Wiedererkennung.

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