Hatte er in seiner Raub- und Mordbegierde übersehen, daß der Handwerksbursche wirklich viele Aehnlichkeit mit ihm habe, so fand er diese in der hier aufgeführten Personalbeschreibung. Die Größe der Gestalt, die Farbe der Haare, der Augen, die Gesichtsbildung waren so bezeichnet, als hätte er selbst dem Kundschaftsschreiber zum Muster gesessen; auch das Lebensalter traf auf ein Paar Jahre zusammen, und Christoph Feller mußte gerade ein Schlossergeselle sein, auf daß Lips Tullian mit dem Wenigen, was er von diesem Handwerke wußte, doch in großer Sicherheit seine Wanderung antreten konnte. Er hätte die Kundschaft nicht um eine hohe Summe hingegeben.
In der Köhlerhütte wurde es rührig. Die Thüre that sich auf, und eine hohe, schlanke Mädchengestalt im allerfreiesten Anzuge, eilte mit leichtem, zierlichem Gange, ein Wassergefäß tragend, dem Brunnen zu. Lips Tullian machte sich durch ein kleines Geräusch bemerkbar.
Das Mädchen hielt an, betrachtete ihn aufmerksam, ließ den Eimer fallen, sprang, wie ein flüchtiges Reh, über die Verzäunung, und lief mit offenen Armen auf Lips Tullian zu. Sie drückte ihn mit dem Lächeln einer sehr großen Freude an ihren üppigen Busen, sie gab ihm heiße Küsse und nannte den Ueberraschten unter den zärtlichsten Liebkosungen ihren lieben, lieben Tullian.
Der Dirne entging dieses Erschrecken nicht; sie beruhigte ihn aber schnell, als sie sich ihm nannte. Nun erinnerte sich Lips Tullian an Fräulein Margarethe, so wurde sie bei der Bande genannt, weil sie die außereheliche Tochter eines Adeligen war.
Kaum vierzehn Jahre alt, von der liederlichen Mutter zu allen Lastern gebildet, war Margarethe schon die Zuhälterin eines Mitgliedes der schwarzen Garde.
Lips Tullian, der schöne, kräftige Mann mit der stolzen, ehrfurchtgebietenden Haltung, das Haupt einer mächtigen Bande, war für Margarethe das Ideal der Erhabenheit, ein Wesen ihrer tiefsten Verehrung, ihrer innigsten Bewunderung, immer mehr ihrer heißesten Liebe. Wo sie sich ihm nahen konnte, trat sie ihm entgegen, um den Mann ihres Herzens zu sehen, um von ihm einen freundlichen Blick, ein Lächeln, ein gütiges Wort zu erhaschen.
Lips Tullian, nur reife, rüstige Gestalten für seine Sinnenlust liebend, übersah das Kind. Aber Mariane, den Geliebten immer mit Argusaugen bewachend, durchschaute die Wünsche und die Bemühungen der jungen Dirne.
Von Eifersucht gefoltert, machte sie durch ein vertrautes Weib aus der Bande Margarethens Buhlen auf die Neigung seiner Dirne zum Hauptmann aufmerksam; sie wußte Eckold in ihr Vertrauen zu ziehen und ihn dahin zu verleiten, daß Margarethe als eine geheime Kundschafterin des Gerichts angeklagt und ihre heimliche Ermordung beschlossen wurde.