„Allerdings, aber es ist hier nicht die Sprache von einem Morgenbesuche, von einem Geschäfte, oder sonst einer Veranlassung zu einem flüchtigen Aufenthalte in Blondells Wohnung; daß dieses Mädchen entweder zu des Friseurs Familie gehöre, oder sich bei ihm für einen längern Aufenthalt eingerichtet habe, glaube ich durch verschiedene Veranlassung überzeugt sein zu dürfen. Entschuldigen Sie meine Neugierde, aber es liegt mir sehr viel daran, über dieses Mädchen Aufschluß zu bekommen. Können Sie mir darüber etwas Befriedigendes sagen?“
„Bedaure auf das Außerordentlichste, Euer Wohl-Edlen, damit nicht dienen zu können. Blondell, der schlechte Patron, hat bei mir einige Monate gewohnt, ist, ohne die Miethe zu bezahlen, bei Nacht und Nebel mit seiner ganzen portativen Einrichtung davon geschlichen, und seit dieser Zeit von mir gemieden und gehaßt. Da ich aber aus christlicher Nächstenliebe jedem Mitmenschen, nur nicht dem Blondell und gar vielen Andern, die in meinem Schuldbuche stehen, nach besten Kräften zu dienen, einen absonderlichen Eifer habe, besonders aber mich für Hochdero Wünsche und Befehle gar vorzüglich interessire, so will ich auf der Stelle durch meine Haushälterin Euer Wohledlen erlauben mir, von der Schlauheit dieser welterfahrnen Person“ —
„Danke sehr und bitte, weder sich, noch die gerühmte Person im geringsten zu incommodiren.“
„Ach lieber Himmel, nun geht mir über die Fremde bei Blondell ein Licht auf, so hell leuchtend, wie eine Wachsfackel. Erweisen Sie mir nur die Gefälligkeit, mich zu informiren, ob dieses Mädchen nicht hinter dem linken Ohr einen Leberfleck hat, beiläufig in der Größe von einer nicht zu breiten und zu schmalen Linse, ferner, ob diese Fremde beim Sprechen nicht etwas schnarret?“ —
„Wie kann ich Ihnen darüber etwas sagen, da ich das Mädchen nicht in der Nähe sah und nicht sprechen hörte?“
„Ja, ja, sie schnarrt, sie hat den Leberflecken hinterm Ohr, diese Luise, des Friseurs gar sanftmüthiges Töchterlein. Kein reputirliches Frauenzimmer nimmt bei Blondell Wohnung. Es ist Luise, die vor vier Jahren nach Paris ging, um, wie die bösen Leute sagen, so kleine verzinsliche Geschäfte auf ihre Hand zu machen. Sie wird aus kindlicher Liebe zurückgekehrt sein, um dem theuern Papa und der allerschätzbarsten Mamma statt des Hungertuches, an welchem beide gar lamentabel nagen, ein besseres Gericht aufzutischen.
Luischen war schon vor vier Jahren, als sie die Kinderschuhe ausgetreten und bei unserer berüchtigten Modehändlerin Gromant in der Nächstenliebe und in den Werken der Barmherzigkeit Unterricht genommen hatte, ein recht appetitlicher Backfisch!“ —
„Was ist das? diese sonderbare Benennung eines jungen, schönen Mädchens habe ich noch nie gehört.“
„Das glaube ich allerdings, Schätzbarster, denn diese spaßhafte Benennung ist nicht überall gang und gäbe. Im Norden — erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Norden um Berlin herum liegt, und daß auch dort die vortrefflichen Nordlichter fabricirt werden, die unsere Pfuscher von Kerzenziehern nicht nachmachen können — also um wieder auf Norden zurückzukommen, so habe ich die Ehre, Euer Wohledeln ergebenst zu informiren, daß man dort jedes junge, schöne Mädchen, dessen Gunst durch ein Stück Geld oder ein Geschenk erkauft und mit dem sündlicher Umgang gepflogen werden kann, einen Backfisch nennt.“