Das war für den Lieutenant zu arg. Er hatte das fünf und vierzigste Lebensjahr erreicht, ohne die Macht der Liebe, ihre Qualen und Süßigkeiten kennen gelernt zu haben. Die Erscheinung der reizenden Unbekannten ward ihm zum Blitze, der in das Tiefste seines Innern zündend schlug und alle so lange in stiller Ruhe entschlafenen Gefühle plötzlich entflammte. Das stürmisch aufgeregte Herz unterjochte den Kopf. Der zum erstenmal, aber um desto glühender Verliebte sah in der Fremden kein von irdischen Schwächen und Fehlern befangenes, sondern nur ein hehres, von allen Reizen des Körpers, des Geistes und des Herzens umflossenes Wesen. Er war von seiner neuen rasenden Leidenschaft zu sehr hingerissen, um durch des Hausbesitzers unumwundene Mittheilungen über Luisens Phrynenleben, von der Höhe seiner Ueberspannung zur Tiefe ernster Prüfung herabgezogen zu werden. In dem treuherzigen Referenten sah er nur einen humischen Verläumder; er war so außer sich, daß er auf der Stelle die Miethe aufkündigte, und noch am nämlichen Tage eine Wohnung bezog, die mit der des Blondell gleichsam im Zusammenhange stand.

Es waren nach dieser Zeit nicht drei Wochen verflossen, als der Lieutenant Schönknecht die reizende Luise Blondell zum Traualtar führte.

Die Flitterwochen wurden zu Monaten, zum vollen Jahre, an dessen Ende Luise den überglücklichen Gatten mit einem holden Knäblein beschenkte.

Aber es hat sich als mathematische Wahrheit seit der Urgestaltung des Menschen beurkundet, daß hienieden nichts vollkommen und kein Glück ewig ist. Dieser Erfahrungssatz bewährte sich auch an dem guten Lieutenant Schönknecht. Sein Sinnenrausch wich allmälig, das von Luisens Reizen geblendete Auge begann klarer und schärfer zu blicken, die falsche Begeisterung machte nunmehr Raum der ernsten Besonnenheit, den prüfenden Beobachtungen, und die zweite Hälfte des Flitterjahres war noch nicht zur Hälfte verronnen, als Lieutenant Schönknecht der gräßlichen Ueberzeugung erlag, seine Hoffnungen, sein Glück, seine Lebensruhe in den Armen eines launenvollen, zanksüchtigen, verbuhlten, schwelgerischen Weibes zu Grabe getragen zu haben.

Luise Blondell, schon in der Blüthe des Alters von ihrem schändlichen Vater an einen reichen Lüstling verkauft, bildete sich in Paris zur vollkommenen Hetäre, und blieb diese als Gattin des wackern, treuen Ehemannes. Anfangs spielte sie ihr heilloses Spiel mit Behutsamkeit; doch immer mehr ward sie bald die Herrin des lenkbaren, gutmüthigen Gatten, und immer freier in ihrem sittenlosen Walten, und selbst, als der Lieutenant seine Luise mehr zu durchschauen und zu würdigen vermochte, wandelte sie auf ihrem ehrlosen Pfade mit ungehemmtem, frechem Gange zwanglos dahin.

Vor dem Blicke des Wachtmeisters Schönknecht hatten die wildesten Bursche der Schwadron gezittert; der Lieutenant war zum Invaliden geworden, der sich unter den Willen eines verbuhlten Weibes beugte. Er fühlte sein Unglück, seine Schande, aber er war nicht mehr Mann genug, mit Kraft zu handeln und durch gewichtige Schritte, oder durch Entfernung eines liederlichen Weibes die verlorne Lebensruhe und die eigene Achtung und das Selbstvertrauen allmälig wieder zu gewinnen.

Er liebte noch immer die Treulose mit unmännlicher Schwäche; er rang mit der Verzweiflung über seine eheliche Lage, und die Verzweiflung führte ihn zur Flasche. Anfangs im Weine, dann im gebrannten Wasser fast täglich bis zur Sinnlosigkeit sich betrinkend, wurde er bei seinem Erwachen durch die pöbelhaftesten Schmähungen seiner Gattin, oder durch ihr ungescheutes Kosen mit einem ihrer Anbeter außer sich gebracht, und griff neuerdings zur wohlthätig-betäubenden Flasche.

Als Lieutenant Schönknecht in Straßburg angekommen war, hatte er sein nicht unbedeutendes Kapital bei Herrn Capinet, einem höchst rechtlichen Kaufmanne, verzinslich niedergelegt, in voller Ueberzeugung, bei seiner geregelten Weise recht bequem von den Zinsen leben zu können, und mit dem festen Vorsatze, das Kapital unberührt zu lassen, um es einst auf seinen nach Amerika gegangenen Bruder, oder wenn er von dessen Tode sichere Nachricht habe, an die Armen von Straßburg zu vererben. Schon vor der Vermählung griff der Lieutenant das Kapital an, um der geliebten Braut werthvolle Geschenke zu machen, und sich für sein eheliches Leben mit einigem Glanze einzurichten. Die Frau Lieutenantin liebte Putz, Theater, Landparthieen, ein hohes Spiel, Abendgesellschaften, Bälle, neue Meubles; sie liebte alles, was Geld kostete. Aus dem für Gold feilen Freudenmädchen war sie zur hochmüthigen Dame geworden, die von ihren Verehrern keine Geschenke nahm, sondern gab.

Der schwache Gatte war anfangs durch Louisens buhlerische Künste, durch geheuchelte Liebe, für die Erfüllung ihrer Wünsche leicht zu gewinnen; späterhin, in der Betäubung des Weinrausches, nie an die Pflichten für sein Kind denkend, wurde es nicht schwer, ihn zu jeder Unterzeichnung einer Geldanweisung leicht zu bewegen. Es wurden Gelder auf Gelder vom Handlungshause erhoben.

Eines Morgens, als Schönknecht früher als gewöhnlich aus dem Schlafe erwachte, da er in der verflossenen Nacht viel mäßiger als sonst gezecht hatte, gestaltete sich in ihm eine dunkle Erinnerung, von Zeit zu Zeit von seinem Kapitale Gelder gezogen zu haben. Er wollte volles Licht haben über seine Geldverhältnisse, und so eben zu Herrn Cabinet gehen, um seinen Vermögensstand genau einzusehen, als der Kaufmann selbst bei ihm eintrat, die ausgestellten Anweisungen vorlegte, und die bisher bestandene Verbindung von nun an als aufgelöst erklärte, da Madame Schönknecht gestern den Rest des Kapitals laut vorliegender, von ihrem Gatten ausgestellter Anweisung, erhoben habe.