Cabinet bat, alle Anweisungen genau zu durchsehen, die Summen zu ziehen, und dann die richtig geschehene Erhebung des ganzen Kapitals durch gehörigen Empfangsschein zu bestätigen.
Sprachlos, eine Marmorbüste, mit verglasten Augen, starrte der Lieutenant auf die Papiere hin. Eine Todtenstille herrschte im Gemache, die der Kaufmann, zur Genüge kennend die verschwenderische Lebensweise der Madame Schönknecht, und des Gatten Unbekanntschaft mit der geschehenen Erhebung des ganzen Kapitals ahnend, mit der Bitte um Bescheinigung unterbrach, da dringende Geschäfte seine Zeit in Anspruch nähmen.
Wie aus einem grauenvollen Traume erwachte der Lieutenant aus seiner Erstarrung, aber nicht zur wohlthuenden Enttäuschung, sondern nur zum gräßlichen Gefühle gräßlicher Wirklichkeit.
Eine jede Anweisung war, die erste wie die letzte, von Louisens Hand geschrieben; so wollte es der Lieutenant selbst, da er besser den Pallasch, als die Feder zu führen vermochte. Jede Anweisung war mit seiner eigenen Unterschrift und seinem Siegel versehen. Die Richtigkeit der Anweisungen und das Facit der Summa überzeugte den Unglücklichen, daß er von seiner verschwenderischen Gattin um den größten Theil seines Vermögens betrogen worden, daß er ein Bettler sei. Er schellte und gebot dem eintretenden Diener, nachzufragen, ob Madame schon zu sprechen sei.
Der Diener kam mit der Meldung zurück, Madame sei noch nicht von der Landparthie zurückgekehrt, die sie gestern Nachmittags mit dem Marquis Bellom gemacht habe. Bei dem Namen Bellom sammelte Cabinet seine Empfangscheine schnell in die Brieftasche; er kannte diesen angeblichen Marquis als dieser Dame vorzüglich begünstigten Verehrer, wußte, daß Bellom wegen Schulden Straßburg verlassen habe, und war überzeugt, daß Madame Schönknecht mit ihm entflohen sei. In aller Stille schlich er sich fort. —
Der Lieutenant wankte nach dem Zimmer seiner Gemahlin; die Vorthüre war verschlossen; er mußte sie mit Gewalt öffnen lassen.
Was seine Frau an Kostbarkeiten, Kleidern und Wäsche besaß, war fort, der Anblick der leeren Schränke, die Nachricht von der gestern geschehenen Erhebung des Kapitalrestes waren die gültigsten Urkunden über Louisens Entweichung. Der Lieutenant verließ ihre Zimmer in dumpfem Schweigen; aber schon nach einigen Schritten mußte er sich auf seinen Diener stützen; so sehr hatten ihn die überraschenden Erscheinungen dieser gräßlichen Stunde angegriffen. Mit Mühe schleppte der Diener den Kraftlosen in sein Gemach, brachte ihn auf das Ruhebett, und eilte nach dem Arzte.
Als der Arzt die Treppe hinanstieg, fiel in des Lieutenants Zimmer ein Schuß. Mit zerschmetterter Hirnschale, die Pistole in der krampfhaft geschlossenen Faust, lag der Unglückliche an der Schwelle seines Gemaches.
Das war das Ende einer mit Leichtsinn und Uebereilung geschlossenen Ehe.