Es fand sich nur wenig baares Geld, aber auch keine Schuld vor; auch hatte die Einrichtung, welche für des Lieutenants Verhältnisse zu glänzend war, immer einen Werth von mehr als 2000 Fl.
Der speculative Friseur Blondell wollte, als Großvater von mütterlicher Seite, seine Ansprüche auf Lips Tullian geltend machen; er erklärte, seinen Enkel zu sich zu nehmen, und für dessen Pflege und Erziehung mit väterlicher Liebe zu sorgen, jedoch müsse ihm die Summe, welche aus dem Verkaufe der Hinterlassenschaft seines Schwiegersohnes erlöst werde, übergeben werden, damit er im Stande sei, ein sehr zinsreiches, von ihm bereits versuchtes, aber wegen Mangels an baarem Gelde aufgegebenes Handelsgeschäft wieder aufzunehmen wo er dann, als Disponent über solch ein Betriebs-Capital, reichliche Zinsen gewinne, und dadurch in den Stand gesetzt werde, seines Enkels Vermögen zu mehren.
Die Gerichte kannten den Friseur Blondell zu gut, um ihm das Vermögen seines Enkels zu übertragen; aber doch viel zu wenig, um sein Anerbieten der Aufnahme und Erziehung Lips Tullians zurückzuweisen. Man erbot sich, ihm für Lips Tullians Unterhalt und Bezahlung der Lehrer die Zinsen der erlösten Summe zu überlassen. Blondell willigte ein und Lips Tullian wurde ihm übergeben.
In schlechtere Hände hätte Lips Tullian nicht gegeben werden können. Blondell war nicht nur ein Taugenichts, der jede Arbeit wie die Pest floh, sondern der auch mit dieser Arbeitsscheu jedes Laster vereinte. Ein Heuchler gegen jeden, von dem er irgend einen Vortheil erwartete, ein Tyrann gegen Weib und Kind, dabei Kuppler, falscher Spieler, Trunkenbold und Diebshehler, jedoch alle Laster so geheim als möglich treibend, und bei den Meisten seiner Mitbürger den Schein der Rechtlichkeit behauptend, lebte er größtentheils in drückendem Mangel, da jeder Thaler, den er durch seine ehrlose Industrie gewann, auf dem Flecke verschwelgt wurde.
Das größte Fest wurde immer an dem Tage gefeiert, an welchem er die Zinsen von Lips Tullians kleinem Capitale erhob. Die Hälfte davon wurde im ununterbrochenen Schmause und im Zechgelage vergeudet, die andere auf die Seite gelegt, um in Winkelkneipen und geheimen Spielhäusern seine Parthie machen, und oft manchen Unerfahrnen durch falsches Spiel ausplündern zu können.
Dieser wackere Mann war Lips Tullians Erzieher, und die Erziehung auch ganz, wie sie unter solch einem Lehrer sein konnte.
Lips Tullian mußte, der öffentlichen Beobachtung und der gerichtlichen Aufsicht wegen, Schule und Kirche fleißig besuchen; aber er wurde zu Hause nie gefragt, ob er in seinem Wissen etwas vor sich bringe, und wie er bete. Doch erhielt Lips Tullian, und zwar von dem Großvater selbst, täglich Privatunterricht in den freien Künsten, nämlich in denjenigen, wo man ohne Lehrbrief durchs Leben wandert, und meistentheils den Lohn ausgezeichneter Meisterschaft im Zuchthause oder auf dem Rabensteine erntet.
Es war ein Privatissimum im falschen Spiele, im heimlichen Wegkapern von Geldstücken auf dem Kegelplatze, im unbemerkbaren Oeffnen versiegelter Briefe, im schön stylisirten Betteln auf den Gastzimmern der Reisenden, im freundlichen Anerbieten zur Besorgung gefälliger Nymphen.
In diesen und noch vielen Gegenständen eines verbrecherischen Erwerbes unterrichtete der Großvater den Enkel, und schaute sehnsüchtig der Zukunft entgegen, wo er, auf seinen Lorbeern ausruhend, sorgenlos die reichen Früchte seiner gespendeten Lehren genießen werde, da sein würdiger Zögling durch gewinnende Heuchelei, durch einen hohen Grad von Kunstfertigkeit und durch seine sich täglich mehr entwickelnde Schönheit des täuschend ehrlichen Gesichtes und einer kräftig sich ausbildenden Gestalt den Lehrer zu den herrlichsten Erwartungen berechtigte.