Mit jedem Tage, den Lips Tullian an Lebensalter gewann, fühlte er sich auch glücklicher. Quälte ihn auch oft der Hunger, wenn im Hause leere Küche war, und wurde er auch oft von dem betrunkenen, dann immer tyrannischen Großvater aufs grausamste mißhandelt, so würde er doch die Art seines Lebens mit keiner, noch so glänzenden Lebensweise vertauscht haben.

Der Schule entwachsen, und außer den oft lange unterbrochenen Privatstunden war er unbeschränkter Gebieter seiner Zeit und seines Willens.

Der Entschluß, bei einer Herrschaft von hohem Range einst Büchsenspanner, Laufer, Bereiter oder Kammerdiener zu werden, hatte sich fest in ihm gebildet. Daher trieb er sich auch ganze Tage in der Bedientenstube, auf der Gewehrkammer oder im Reitstalle des Grafen von Lodein umher, wo er mit der zahlreichen Dienerschaft schnell Bekanntschaft gemacht hatte.

Man sah den klugen, dienstfertigen, immer freundlich lächelnden Knaben sehr gern. Mit unermüdbarem Eifer und gefälligster Zuvorkommenheit besorgte er alle Aufträge, Gänge und sonstigen Geschäfte, die einer der Dienerschaft, vom Leibkammerdiener bis zum Stalljungen herab, nicht gern übernahm. Dafür wurde ihm manche gute Speise, manches Glas Wein, selbst manches Stück Geld zu Theil; er durfte die Pferde mit in die Schwemme reiten, sehr oft sogar an dem Unterrichte des gräflichen Bereiters, wie auch an dem des Läufers, der einige Knaben einübte, Theil nehmen, und den Büchsenspanner auf die Jagd begleiten.

Die beiden Söhne des Grafen hatten einen eigenen Fechtmeister. Es war ein wortkarger, unfreundlicher Mann, und doch wußte der schmeichelnde Lips Tullian ihn so zu gewinnen, daß er täglich von ihm eine Fechtstunde erhielt. Der flinke, gelehrige, fleißige Knabe ritt, lief, schoß und focht zum Erstaunen.

Auch von den Kammerfrauen der Gräfin blieb Lips Tullian nicht unbeachtet, und er wurde ihr Liebling. Die Aelteste darunter gefiel sich in der Rolle der Gouvernante des lieblichen Knaben. Wann die gräfliche Familie bei Tische oder irgend wo gebeten war, durfte Lips Tullian auf ihr Zimmer kommen. Demoiselle la Croix glaubte, jeder Mensch, der nicht französisch spreche, stehe auf der allerniedrigsten Stufe der Bildung. Da sollte ihr Protegé nicht stehen bleiben, sondern so hoch als möglich emporklimmen.

Sie gab ihm Unterricht im Französischen, und so lückenhaft dieser Unterricht war, so machte doch der talentvolle Knabe so rasche Fortschritte, daß er binnen einem Jahre mit großer Fertigkeit französisch sprach.

Sie lehrte ihn ferner Guitarre spielen, Singen, Frisiren, und das alles, wie sie zu ihrer Umgebung mit einem frommen Blicke zum Himmel sagte, aus purer Nächstenliebe und aus reinem Mitleiden, damit dieses arme Geschöpf sich bilde und dadurch einst für die Welt eigne.

Aber die gerühmte Nächstenliebe floß aus einer sehr schlammigen Quelle. Denn die alte, fromme Demoiselle la Croix wurde von ihrer Gräfin in einer höchst verrätherischen Lage mit dem dreizehnjährigen Lips Tullian überrascht, und auf der Stelle des Dienstes entlassen. Auch Lips Tullian durfte den gräflichen Palast nicht mehr betreten.