XXXXIV.
Ein schreckliches Opfer.

Schwer zu unterscheiden

Noch schwerer zu ergründen sind die Menschen.

Schiller.

Es nahete die Mitternachtsstunde, als Frau Blondell beim matten Scheine eines kärglichen Oellämpchens noch immer emsig nähte. Aus Mangel an einem anständigen Anzuge hatte sie sich schon einige Wochen nicht mehr auf die Gasse gewagt, aber im Laufe dieser Zurückgezogenheit ein Plänchen geschmiedet, dessen glückliche Ausführung sie den Gewinn einer artigen Summe, und dadurch wieder gehörige Kleidung und gute Lebensmittel für längere Zeit erwarten ließ.

Seit drei Tagen hatte sie weder ihren liederlichen Eheherrn, noch den eben so liederlichen Enkel gesehen, kaum genug trockenes Brod gehabt, und durfte überzeugt sein, eine Beute des Mangels zu werden, wenn sie nicht ihre sonst so einträglichen Talente des Kuppelns wieder ins Leben treten lasse; daher nähte sie an ihrem zerlumpten Klüftchen mit reger Hand und vergaß über der bessern Zukunft den drückenden Mangel der Gegenwart.

Sie hörte Geräusch auf der Treppe, und bald traten Blondell und Lips Tullian in die Stube. Lips Tullian ging nach einem flüchtigen Gruße in seine Schlafkammer. Blondell, sonst bei seiner Nachhausekunft fast immer betrunken, und dann höchst übelgelaunt, zanksüchtig, ein roher Wüthrich, war heute voll Freundlichkeit und Güte. Er bewunderte den Fleiß seiner Frau, bat sie, eine Kerze zu besorgen, zog aus der Tasche ein Paar Flaschen Wein, ein großes Stück Braten, und lud die Ueberraschte zum fröhlichen Mahle ein. Frau Blondell ließ sich nicht lange nöthigen, denn solch einer Bewirthung und der gütigen, liebevollen Ansprache ihres Gatten war sie seit vielen Jahren entwöhnt.

„Die drei Tage,“ — begann Blondell und stieß mit seiner Frau auf eine nahe, bessere Zukunft an — „die ich mit Lips Tullian außer dem Hause zubrachte, waren eine ergiebige Ernte. Lips Tullian hat das Glück gehabt, in allen Schenken, wo er zusprach, spiellustige Leute zu finden, immer dumme Teufel, denen mein gewandter Zögling auf die feinste Art die Börsen leerte. Mir war das Glück darin hold, daß ich dem Chevalier Ritton zwei falsche Wechsel von bedeutender Summe bei dem Juden Samuel Levi in blankes Gold umsetzte, zu seiner schnellen, geheimen Flucht eine Post-Chaise vor das Thor besorgte, und ihn wohl vermummt aus der Stadt und den scharfen Augen seiner lauernden Gläubiger brachte, wofür mich der Dankbare mit dieser Rolle von 100 Dukaten begabte.

Das war ein Coup zu rechter Zeit, denn sonst hätte uns der Flegel von Hauswirth für die rückständige Miethe vielleicht schon morgen auf die Gasse geworfen, und unsere Garderobe möchte wohl der gutherzige Trödler nicht um einen halben Thaler kaufen.