Morgen, liebe Canton, miethen wir eine bessere Wohnung, mit einer Hinterthüre in ein abgelegenes Gäßchen, auf einem mehr besuchten Platz, um unsere Geschäfte mit einiger Ostentation und mit größerm Umfange betreiben zu können, kaufen Meubles, Kleider, Wäsche, einige Nippes, und treffen unsere Einrichtungen so, daß wir in unserer Wohnung wieder Zusammenkünfte veranstalten können, die in diesem Hundeloche von Quartier für anständige Leute sich nicht machen ließen.“

Frau Blondell ward entzückt von dieser Rede. Nun hatte sie die glänzende, glückliche Aussicht, durch elegante Wohnung und elegante Kleidung wieder in ihre so liebe Sphäre zu treten, mit verbuhlten Frauen und begehrlichen Männern verkehren zu können, und zwar in der von ihr so wohl einstudirten Rolle einer gewandten und listigen Kupplerin.

Mit Verachtung sah sie auf das armselige Klüftchen hin, an dem sie viele Stunden so emsig geflickt und gestickt hatte, um am nächsten Abend das lange geruhte Geschäft wieder aufnehmen und einige lumpige Thaler erwerben zu können. Sie sah sich schon im Geiste als die hochgefeierte Freundin vornehmer Damen und Herren, und eine unversiegbare Goldquelle in ihren Säckel fließen.

„Auch mit Lips Tullian hätte ich Großes vor,“ — fuhr Blondell fort und füllte die Gläser — „aber das Gewissen — das Gewissen.“

„Du und Gewissen!“ — lachte die Trunkene und leerte ein volles Glas in einem Zuge — „Was Lips Tullian von dir bereits gelernt hat, ging doch nur aus einem Lehrer hervor, der bei solchem Unterrichte das Gewissen bei Seite gestellt hatte.“

„Daß ich Lips Tullian mit Karten und Würfeln gewandt umgehen lehrte — was man in der großen Welt corriger la fortune[36] nennt — daß ich ihn im Oeffnen versiegelter Briefe und noch einigen Kleinigkeiten unterrichtete, dessen darf ich mich als der Ausübung einer Tugend, einer negativen, rühmen. Verliert der Spieler öfter, und nicht unbedeutend, so kommt er zur Besinnung, und von der verderblichen Spielleidenschaft zu einem geregelten Leben zurück, während der Gewinnende für nichts als für die Fortsetzung des Spieles Sinn hat, seine häuslichen Angelegenheiten, wie auch seine Gesundheit zerrüttet und trotz des gewonnenen Geldes zum Elend herabsinkt. Ich kenne einige, die mein kunstfertiger Lips Tullian so ausgesäckelt hat, daß sie, sonst leidenschaftliche Spieler, jetzt Karte und Würfel auf das unversöhnlichste hassen, und fleißige, ordnungsliebende Menschen sind. Auch das gewandte Oeffnen fremder Briefe führt oft große Verdienste um den Staat, um Familienwohl herbei. Dadurch wird so mancher Schleier gelüftet, worunter staatsgefährliche Menschen gegen die Regierung, ungetreue Beamte gegen ihre Herrschaft, liederliche Söhne und Töchter gegen das Vermögen, gegen die Ehre und die Lebensruhe ihrer guten Eltern machiniren. Was ferner“ —

„Laß mich zu gelegenerer Zeit Deine sophistische Rednergabe bewundern, und mich an Deinem frechen Witze ergötzen; nun aber sage, was Großes Du mit Philipp vorhast.“

„Du kennst die Wittwe Lehmann und das felsenfeste Vertrauen, welches sie, trotz der gehässigsten Einflüsterungen meiner vielen Feinde, zu mir gefaßt hat. Vor Kurzem ererbte sie ein Gartenhäuschen in der Rupprechtsau und will es nun für immer beziehen, aus purem Geiz, damit sie die Miethe in der Stadt erspare. Dagegen kämpft in ihr die Sorge für den bedeutenden Schatz, welchen sie an Diamanten, goldnen Uhren, Ketten, seltenen Goldmünzen und Silbergeräthen besitzt, und dessen Sicherheit sie in dem abgelegenen Gartenhäuschen zu gefährlich bedrohet glaubt. Ihr Geiz hat ihr bisher nicht gestattet, mehr als eine alte, begnügliche Magd zur Bedienung zu haben. Nun sucht sie, aus Furcht vor Dieben, einen jungen, kräftigen, muthigen Burschen, der reichlichen Lohn, die beste Pflege, aber die Verbindlichkeit haben soll, bei Tage das Gartenhäuschen nur äußerst selten zu verlassen, und des Nachts immer gekleidet und wachsam zu sein. Mich hat sie recht dringend gebeten, solch einen tüchtigen Schützer in ihre Dienste zu bringen. Gleich bestimmte ich in Gedanken diese Stelle für Lips Tullian. Der Bursche ist nun 17 Jahre alt, groß und kräftig, wie ein Mann, und im Dienste dieser furchtsamen, geistarmen Frau für uns ein reiches Kleinod, denn seiner Gewandtheit wird es ein Leichtes sein, von Zeit zu Zeit die Kleinodien, Goldmünzen und Silbergeräthe seiner überreichen Herrin aus ihren altväterischen Schränken in unsere modernen wandern zu lassen.“ —