Der unerschütterliche Entschluß, sich zu tödten, ehe sie die Beute des Wolllüstlings werde, erzeugte in ihr den Gedanken, noch vorher die Flucht zu versuchen. Es gelang ihr, durch mühsam erkünstelte Zärtlichkeit die Begierde des Grafen dahin zu beschwichtigen, daß er ihr eine Frist von 14 Tagen gewährte, um, wie die Listige sich äußerte, die grausen Bilder der jüngsten Vergangenheit aus ihrer zu beklommenen Seele allmählig verbannen zu können.

Selbst der leiseste Versuch einer Flucht mußte an der Wachsamkeit scheitern, mit welcher der nicht leicht zu täuschende Graf jeden ihrer Schritte umgab. Zwei Frauen, bewährte Dienerinnen des Grafen und von ihm wohl unterrichtet, wichen Tag und Nacht keinen Augenblick von Josephinens Seite.

Schon dunkelte heran der Abend des Tages, an welchem die Unglückliche geopfert werden sollte; schon hatte Josephine ein unbemerkt beseitigtes Messer in die Falten ihres Gewandes verborgen, um, wenn der schreckliche Augenblick ihrer Entehrung nahe, das scharfe Eisen sich in die keusch bewahrte Brust zu stoßen, als ein heulendes Jammergeschrei die Hallen des Schlosses durchscholl. Mit dem Tode ringend, wurde der Graf von der Reitbahn in das Schloß getragen. Trotz den Warnungen seines Stallmeisters hatte er, vom unmäßig genossenen Weine erhitzt, ein junges, ganz wildes Pferd bestiegen. Das ungezähmte Thier, noch keines Reiters und keines Zwanges gewohnt, in der riesigen Kraft ausgebildeter, tobender Jugend, schleuderte den Grafen mit solcher Gewalt an die Steinwand der Reitbahn, daß die Brust zerschmettert wurde.

Kaum mehr der Sprache so viel mächtig, nach Josephinen zu verlangen, hatte er dieser nur wenige Augenblicke vor seinem Hinscheiden noch eine Rolle von 1000 Dukaten und einen werthvollen Schmuck dargereicht, sie mit den letzten Athemzügen seiner zermalmten Brust anflehend, ihm das Geschehene zu vergeben, und seiner im Guten zu gedenken. Von Josephinens Thränen benetzt, hauchte er in einem Blutstrome sein Leben aus.

Sie verließ mit Freuden alsbald ein Land, welches sie so grenzenlos unglücklich gemacht hatte.

Beinahe ein volles Jahr hatte Josephine auf Reisen zugebracht, und jede Gegend durchstreift, wo sie hoffen durfte, ihren Philipp oder doch wenigstens Nachricht über ihn zu finden. Alle Mühe blieb ohne Erfolg; spurlos war der verschwunden, an dem die Verlassene mit ganzer Liebe hing, und ohne welchen ihr kein froher Tag blühete.

Ungeachtet Josephine auf ihren Reisen sehr haushälterisch zu Werke gegangen war, so hatte sie doch eine bedeutende Summe gebraucht; sie würde, so lange ihr Geld gereicht hätte, das Aufsuchen fortgesetzt haben, hätte es ihr nicht höchst nothwendig geschienen, den größten Theil der Summe, welche des Grafen Reue und Dankbarkeit ihr in Geld und Juwelen zugesprochen hatte, sorglich bis zu Philipps Wiederfinden zu bewahren, um, wenn er dürftig sei, ihn gleich zur Antretung irgend eines Geschäftes unterstützen zu können. Jede Ruhe, jeden langen Aufenthalt an einem Orte scheuend, da sie einmal unerschütterlich an dem Gedanken hing, ihren Philipp ununterbrochen aufsuchen zu müssen, nahm sie Dienste bei hohen Herrschaften, aber nur bei solchen, von denen sie hörte, daß sie viel auf Reisen seien.

Jetzt war sie in die Dienste der Gräfin von Freienberg getreten, da ihr kund gethan wurde, daß der Graf mit seiner Gemahlin eine Reise von längerer Dauer in sehr entfernte Gegenden machen werde. Schon sehr nahe war der Tag der Abreise, als Philipp mit seiner kleinen Bande von den gräflichen Gerichtsdienern und Jägern aufgegriffen wurde.

In der Vorhalle des Schlosses stand Josephine hinter einer Säule des hohen Gewölbes, furchtsam auf den Hof hinausblickend, und mit Grauen die fremden Gestalten betrachtend, deren wilde Gesichter aus der dunkeln Flammengluth der Fackeln noch wilder hervortraten. Sie hörte den Befehl des Grafen, den Anführer der Bande in das sicherste Gefängniß zu bringen; sie warf einen scheuen Blick auf ihn. Josephine schauderte zusammen und ein entsetzlicher Schrecken durchzuckte sie, denn das war das Gesicht ihres Philipps, das war sein Gang, seine Haltung.

Wie Philipp zum Räuber geworden, ob er schuldig oder schuldlos sei, daran dachte sie mit keinem Athemzuge, das heißliebende Weib hatte in ihrer großen, muthigen Seele nur Raum für den Entschluß, ihn zu retten und mit ihm zu entfliehen. Noch nicht mit sich selbst einig, wie dieses zu bewirken sei, eilte sie auf ihr Zimmer, packte ihr Gold, ihre Juwelen, das Nöthigste an Kleidern und Wäsche ein, schlich mit dem Bündel in die Vorhalle hinab, verbarg ihn an einem sichern Orte, und kehrte dann zu ihren Geschäften zurück, um ihre Abwesenheit nicht auffallend zu machen, und während der Arbeit die Mittel zu Philipps Befreiung und Flucht zu ersinnen, womit sie auch bald zu Stande kam. Als die Herrschaft zur Tafel ging, besuchte Josephine, wie sehr oft geschah, die Frau des Kerkermeisters, welche durch Herzensgüte und tugendhafte Gesinnungen sich Josephinens innige Freundschaft erworben hatte. Mit dieser Frau war Josephine schon oft, selbst am späten Abende, zu den Gefangenen gegangen, um ihnen ein Stück Wäsche zu schenken, oder sie mit einer Speise zu erquicken. Josephine kannte die Lage aller Gefängnisse, daher auch dessen, worin ihr Gatte verwahrt wurde. Es war jetzt darum zu thun, den Schlüssel zu diesem Gefängniß und den zur kleinen Hinterthüre des Stockhauses an sich zu bringen. Es gelang ihr, ohne daß der Kerkermeister und seine Frau es bemerkten. Mit ihrem Raube, den sie nicht für eine Tonne Goldes gegeben hätte, eilte sie, als die Zeit des Aufhebens der Tafel herankam, in das Schloß zurück, besorgte ihre Arbeit mit großem Eifer, brachte die Gräfin zu Bette, und schlich, als im Schlosse allgemeine Ruhe herrschte, ihren Bündel unterm Arme, eine brennende Leuchte sorgfältig bedeckend, der Hinterthüre des Stockhauses zu. Geräuschlos öffnete sie die selten gebrauchte Pforte, leise das Schloß und die Riegel der Kerkerthüre. Das Uebrige haben wir bereits gesehen.