Vom Widerstande noch mehr entflammt, entschloß sich der Graf, seinen Gerichtsbeamten, den er als einen höchst schlauen Menschen kannte, in das Vertrauen zu ziehen, und diesen für sich handeln zu lassen. Sogleich nachdem dies geschehen war, wurde Josephine aus ihrer freundlichen Wohnung in ein dunkles, schauerlich einsames Gefängniß geführt, wo sie nur eine Strohschütte, und Wasser und Brod fand.
Sie wurde vor den Gerichtsbeamten zum Verhöre geführt, und schon nach dem dritten erklärte ihr der rauhe Richter mit zermalmender Kälte, daß der Tod durch Henkershand das Loos ihres Gatten, jahrelanges, hartes Gefängniß das ihrige sei, und nur Leben und Freiheit in der Hand des gebietenden Grafen ruhe.
Vom tiefsten Schmerze ergriffen, von Leiden gefoltert, die ihre zerfleischte Seele zu gewaltig niederdrückten, lag Josephine auf ihrer Strohschütte, die Hände wund ringend, durch keine lindernde Thräne aus dem erlöschenden Auge erquickt, da öffnete sich zur ungewöhnlichen Stunde ihre Kerkerthüre, der Wächter trat ein, brachte einen Korb mit reiner Wäsche und bat Josephinen mit freundlichen Worten, sich dieser Wäsche zu bedienen und seiner baldigen Rückkehr zu harren. Es war das erste Wort, das Josephine aus dem Munde ihres gefühllos-stummen Wächters hörte; zum ersten Male seit ihrer Verhaftung empfing sie reine Wäsche. Unter sanftem Weinen kleidete sie sich um, und ein ganz besonderes Gefühl bewegte ihr Inneres, als der rückkehrende Wächter sie mit freundlichem Lächeln einlud, ihm zu folgen.
Ueber den langen, gewölbten Gang hin wankte sie an seiner Seite in ein helles, reinliches, mit Geräthen für die Bequemlichkeit wohleingerichtetes Gemach. Von einem kleinen Tischchen am hohen Bogenfenster winkten ihr feine Gerichte und ein Krystallbecher mit Wein entgegen. Auf die Bitte des Wächters erquickte sie sich mit Speise und Trank, und in diesem Augenblicke über die zu heftigen Anforderungen der Natur ihre Lage vergessend, seit so vielen Tagen, bei fast ungenießbarem Brod und übelriechendem Wasser, fast dem Verschmachten nahe, würde sie Mahl und Wein mit Heißhunger verschlungen haben, wäre nicht gerade, als sie am Tischchen sich niederließ, der Gerichtsbeamte eingetreten, und seine Aufmerksamkeit dahin gerichtet gewesen, die Entkräftete nur mäßig und in kleinen Zwischenräumen die lang entbehrte Erquickung genießen zu lassen.
Der Gerichtsbeamte tröstete sie und machte ihr für ihre und ihres Gatten baldige Begnadigung die süßesten Hoffnungen; aber schon am andern Tage rückte derselbe mit seinen schimpflichen Anträgen deutlicher heraus.
Mit Abscheu bebte die Tugendhafte vor dem Kuppler des lüsternen Gebietes zurück, doch schauderte sie zusammen, als der Gerichtsbeamte aus dem Tone der feinsten Schmeichelei in den einer kalten Härte überging, ihr schonungslos eine Bedenkzeit nur bis zum folgenden Tag zugestand und im Falle ihrer hartnäckigen Weigerung, die Rückkehr in eine vieljährige Gefangenschaft bei Wasser und Brod, ein gräßliches Leben bei Grabesstille, auf faulendem Stroh, in Gesellschaft von Unken und Gewürme, ankündigte.
Der Morgen erschien, und mit ihm der Gerichtsbeamte. Josephine hatte die ganze Nacht hindurch gebetet, und im Gebete sich neue Kraft zum Kampfe für Tugend und Reinheit erholt. Als der Gerichtsbeamte in das Gemach trat, erklärte sie ihm mit aller Würde ihrer tugendhaften Seele, bereit zu sein in ihr Gefängniß zurück zu kehren. Schweigend hatte sie der Beamte angehört. Auf einen Wink folgte sie ihm in einen fernen, fast nächtlich dunkeln, grauenvollen Kerker. — „Dieses sei von nun an deine Wohnung, und ein Blick durch jenes Fenster überzeuge Dich, mit der Ruhestätte Deines Mannes in recht nachbarlichem Verein zu leben!“ — sprach der Gerichtsbeamte mit eisiger Kälte und führte sie an das kleine, dicht vergitterte Fenster des Gefängnisses. Ein Blick durch das Gitter, und Josephine sank mit einem gräßlichen Schrei in die Arme des Gerichtsbeamten, und kreischte mit dem gellenden Laute des Wahnsinns: „Für sein Leben gebe ich mich dem Grafen hin!“ Bewußtlos wurde sie hinweggetragen.
In dem engen Hofraume vor dem Gitterfenster stand ein Mann von gräßlicher Gestalt, die Arme nackt bis an die Schultern, ein blinkendes Beil schwingend über Philipps Haupt, welches von einem Henkerknechte auf einen Block niedergedrückt wurde; nahe an dem Blocke war ein offenes Grab.
Das hatte Josephine gesehen, und den Knieenden, der einer von des Grafen Leuten und zu diesem grausamen Trugspiele in Philipps Kleidung vermummt war, für ihren zum nahen Tode bestimmten Gatten gehalten.
Josephine bestätigte nach Rückkehr ihrer Sinne, was sie in dem schauderhaftesten Momente ihres Lebens gelobt hatte. Ihr wurde dagegen Philipps Freiheit, seine Entfernung aus Polen und eine reiche Schenkung für ihn zugesichert. Der Gerichtsbeamte zeigte ihr die Summe, die für Philipp bestimmt war, und sie hatte Gewandtheit genug, jenen Zettel an Philipp dem Golde unbemerkt beizufügen. —