Du, dem der Tod allhier am nächsten stand!
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Wir kehren zurück in das Gefängniß, wo ganz unvermuthet Josephine ihrem Philipp erschien[38].
Josephine öffnete ein Fläschchen, rieb Philipps Schläfe, flößte ihm einige Tropfen ein, und bald kehrte das Bewußtsein zurück.
„Fasse Dich. Ich bin Josephine, Dein treues Weib, das gekommen ist, Dich zu retten. Laß uns von dannen eilen!“ — flüsterte sie dem Zitternden zu, der seine Sinne noch nicht ganz gesammelt und noch nicht klar aufgefaßt hatte, was da geschehe. Josephine wiederholte ihre Worte, sie beschwor ihn, keinen Augenblick zu versäumen; mit kräftiger Hand zog sie ihn von der Erde empor, und als der Morgen anbrach, waren beide schon viele Meilen vom gräflichen Schlosse entfernt und eine Gebirgsschlucht, von himmelhohen Tannen dicht umgürtet, gab für den ersten Augenblick den Flüchtigen eine sichere Freistätte.
Von Josephinen erfuhr er über ihre Schicksale seit seiner gewaltsamen Entführung aus dem gräflichen Schlosse in Polen Folgendes:
Nachdem die Dienerschaft den Grafen Philipp in den Kerker abgeführt hatte, ließ der Gerichtsbeamte Josephine in ihrem Hause streng bewachen.
Schon nach einigen Stunden herrschte wieder laute Freude in dem Schlosse; der Arzt hatte den Ausspruch gethan, des Grafen Wunde sei nicht tödtlich, selbst nicht gefährlich, und nach einigen Tagen die vollkommene Genesung mit Zuversicht zu erwarten.
Die Verwundung war nicht mächtig genug, in dem strömenden Blute die Flamme der Begierde nach Josephinens Besitz zu vernichten. Kaum hatte der Graf das Krankenlager verlassen, als sein Erstes war, Josephinens Wache zu entfernen, und zu ihr zu gehen. Er fand sie sehr leidend, kaum kräftig genug, ihm entgegen zu wanken, zu seinen Füßen niederzusinken und um Gnade für ihren Gatten zu flehen.
Rasch hob der Graf die Knieende empor, trug sie unter den süßesten Schmeichelworten auf das Sopha, setzte sich an ihre Seite, und bot nun alle Macht der Beredtsamkeit, alle Künste der Verführung auf, sie für seine Wünsche geneigt zu machen. Er überreichte ihr eine Urkunde, worin Josephine als die Herrin einer beträchtlichen Besitzung erklärt wurde, und betheuerte mit einem feierlichen Schwure, Philipp aus dem Gefängnisse zu entlassen und mit einer sehr reichen Summe nach dessen Vaterlande zu senden, wenn sie nur einige Jahre mit ihm als seine vertrauteste Freundin leben wolle. Die edle tugendhafte Frau wies jedes Geschenk, jede noch so lockende Zusicherung mit strengem Ernste zurück; sie flehte nur um die einzige Gnade, sie mit Philipp ohne alle Habe im allerdürftigsten Zustande dahin ziehen zu lassen, da sie an der Seite des geliebten Gatten das erbettelte Brod freudiger genieße, als die leckersten Gerichte im verbrecherischen Wohlleben.