Und tückisch stürzt die Nacht mich in den Abgrund,

Und meine grade Straße führt zur Hölle!

Th. Körner.

Durch Josephinens Gold wieder mit stattlichem Anzuge und den Mitteln versehen, eine schnelle Reise im bequemen Wagen machen zu können, hatte Philipp an ihrer Seite Baiern erreicht.

Fest entschlossen, dem gefahrvollen Räuberhandwerke zu entsagen und in sicherer Einsamkeit nur der häuslichen Ruhe und seiner Josephine, die er immer mehr und wieder mit aller Kraft der frühern Leidenschaft liebte, zu leben, machte er ihr den Vorschlag, im Baierischen ein kleines, freundlich und angenehm gelegenes Grundstück zu kaufen, und dort dem Feldbaue sich zu widmen. Dies geschah so.

Hier lebte nun Josephine im süßesten Glücke, ohne zu ahnen, in ihrem geliebten Philipp einen Räuber und Mörder, in ihm den furchtbaren Lips Tullian zu umfassen. Schon in jener Gebirgsschlucht, wo er, von Josephinen aus dem Kerker befreit, an ihrer Seite die erste Freistätte gefunden hatte, begann er seine Erzählung von seinen seit ihrer Trennung erlebten Schicksalen. Diese Erzählung war das feinste Gewebe der schlauesten Erdichtungen, die rührendste Darstellung von Leiden und Kämpfen, aus welchen er immer als Tugendheld mit Strahlen der Glorie hervorging. Im Laufe der Reise gab er seine Erzählung nur stückweise, um sich nicht im Feuer längerer Mittheilung zu verwirren, um immer neue Mährchen zu ersinnen, und sie mit dem Kleide der höchsten Wahrscheinlichkeit zu umhüllen.

Es hatte Josephine beinahe zwei Jahre im wonnevollsten Genusse der Gegenwart gelebt, als Philipp, der bei seinem Leben im Gebirge, wo alles Jäger ist, auch ein Waidmann geworden, auf einige Tage sich vom Hause entfernte, um bei einem Förster einige Treib-Jagden mitzumachen.

Es befremdete ihn sehr, bei seiner Rückkunft nicht außerhalb des Hauses von Josephinen empfangen zu werden, wie sonst jedesmal geschah. Seine Befremdung ward zum höchsten Erstaunen, als ihm auf der Hausflur die Magd den Schlüssel zu den obern Wohnzimmern überreichte, mit der Nachricht: die Frau sei vorgestern Abends, nachdem sie lange mit einem fremden Manne gesprochen und ihr, ohne sonst etwas zu sagen, diesen Schlüssel übergeben habe, mit einem Bündel unter dem Arme von Hause fortgegangen und noch nicht heimgekehrt.

Philipp stürmte ins Zimmer; er fand alles unverrückt, vermißte kein Kleid seiner Frau, wohl aber den besten Theil ihrer Wäsche. Jetzt erblickte er auf dem Schreibtische einen versiegelten Brief. Mir Hast erbrach er ihn, und las:

„Kaum vermag meine zitternde Hand, Dir in diesen Zeilen zu sagen, daß ich ganz eingeweihet bin in die furchtbarsten Geheimnisse Deines schauderhaften Lebens. Wir beide können nicht mehr auf einem und demselben Lebenspfade wandeln. Den größten Theil des baaren Geldes habe ich dem Manne gegeben, der durch seine grauenvolle Erzählung den Frieden, das Glück meines Lebens auf immer vernichtete, auf daß er die gräßlichen Geheimnisse tief bewahre und Deine Freiheit und Dein Leben nicht gefährde. Ich gehe dahin, wo nur die tiefste Stille, die friedlichste Einsamkeit mir winken, und dort werde ich mit glühender Andacht für Deine Seele beten.