Josephine.“

Der erste Gedanke, den Philipp nach entwichener Erstarrung wieder zu fassen vermochte, war nicht eine Erinnerung an Josephinen, eine Sehnsucht nach ihr, ein heißer Schmerz über ihre Entfernung; es war der Gedanke, den Verräther aufzusuchen, um die heiße Flamme der Rachsucht in seinem Blute zu kühlen. Er stürzte eine Flasche Wein aus, warf die Doppelbüchse über und eilte aus dem Hause, nachdem er sich bei der Magd in Ausforschung über Aussehen und Kleidung des fremden Mannes erschöpft hatte.

Nach den sorgfältigsten und mühsamsten Aufsuchungen fand er am Abende des dritten Tages, nicht fern von einer abgelegenen Waldschenke, einen Kerl im Gebüsche schlafen, in dem er den rechten Mann zu finden hoffte. Sanft wendete er den Schlafenden nach der Seite, und erkannte auf den ersten Blick in ihm den böhmischen Wenzel, seinen Bekannten von Schlesien her, der nur fast durch ein Wunder damals in Trebnitz dem schon für ihn gezücktem Henkerschwerte entgangen und später in Sachsen einer von Lips Tullians listigsten und hartherzigsten Raub- und Mordgesellen gewesen war. Daß dieser bei Josephinen an ihm zum Verräther geworden sei, daran hing Philipp mit festem Glauben, der zur Ueberzeugung ward, da Aussehen und Kleidung ganz mit der Angabe der Magd übereinstimmten, ohne Wenzel zu fragen, wie er in diese Gegend, wie er zu Josephinen gekommen sei, und warum er ihn verrathen habe, dazu gab ihm seine wild brennende Sucht nach Rache nicht Besonnenheit und nicht Geduld. Mit einem schnellen Blicke umherspähend, ob Niemand in der Nähe sei, stieß er dem Schlafenden sein Messer ins Herz.[39] Mit dem Lachen gräßlich befriedigter Rache eilte der Mörder von der Leiche hinweg.

Schon nach einigen Tagen hatte Philipp sein Grundstück verkauft, den Erlös in Geld umgesetzt, und mit Postpferden eilte er Sachsen zu, fest entschlossen, das Raub- und Mord-Handwerk noch gräßlicher zu treiben, als er es getrieben hatte.

An der Gränze verließ er die Postchaise, um zu Fuße desto leichter umherstreifen und die abgelegenen Diebeherbergen besuchen, auch in Wirts- und Köhlerhütten nach frühern Kameraden umherspähen zu können.

L. Oeser in Neusalza.
Ein neuer Mord.

[❏
GRÖSSERES BILD]

Als Jäger gekleidet, mit Doppelbüchse, Waidtasche und Hirschfänger ausgerüstet, ging er nach der Stadt Freiberg. Am Thore wurde er von dem Examinator angehalten und nach seinem Passe befragt. Philipp äußerte in stolzen, trotzigen Worten seinen Unwillen, daß man ihn hier anhalte und nach seinem Passe befrage, ungeachtet er fast in jeder Woche zweimal mit Wildpret in die Stadt komme, wo ihn fast jedermann als den Förster des nahe wohnenden Herrn von Hartenstein kenne. Er ging fort, ohne die Gegenrede des Examinators abzuwarten, der aber, mit dieser Erklärung nicht zufrieden, ihm nacheilte und mit Arretirung drohte. Philipp ließ sich in seinem Gange nicht aufhalten, sprang von der Straße hinweg in ein Haus, und suchte durch eine Hinterthüre zu entfliehen. Der Examinator war ihm auf der Ferse. Das Haus hatte keine Hinterthüre, der Hofraum lief in einen finstern Winkel aus. Dort warf Philipp den Examinator zu Boden, und stieß ihm den Hirschfänger in den Leib.[40]