Lips Tullian in Freiberg.

[❏
GRÖSSERES BILD]

Aus dem Fenster des Erdgeschosses hatte ein Weber die Mordthat gesehen. Er und seine Gesellen, mit Aexten, Hämmern und Gabeln schnell bewaffnet, eilten an die Hausthüre, um dem Mörder den Ausgang zu verwehren. Man schrie um Hülfe, nach der Wache. Schnell hatte sich eine Volksmenge gesammelt. Mit dem bluttriefenden Hirschfänger, mit gespannter Doppelbüchse stürzte Philipp hervor, fest entschlossen, Freiheit und Leben mit Blutströmen zu erkaufen, oder nur über Leichen hinweg ins Gefängniß geschleppt zu werden.

Beinahe blutlos und sehr kurz war der Kampf; ein gigantischer Schmiedegeselle, aus dem Hinterhause hervorstürzend, umfaßte Philipp von rückwärts mit einer Kraft, die jede Bewegung, jede verzweiflungsvolle Anstrengung des Wüthenden hemmte. Im Augenblicke war er entwaffnet und gebunden.

„Freibergs armselige Spießbürger haben Lips Tullian überwältigt!“ — brüllte er mit des ohnmächtigen Grimmes wildester Heftigkeit. Denn er hatte früher oft geäußert: „Freibergs Spießbürger sollen mich lebendig nicht gefangen kriegen!“ In sprachloser Ueberraschung, mit scheuen Blicken bebte das Volk bei diesem Namen vor dem gefesselten Tiger zurück. Keiner der Vielen hatte den Muth, dem Gefürchteten sich zu nähern. Jetzt stürzte die Wache herbei, den Gefangenen nach dem Stockhause abzuführen, und der Kolben unsanfte Berührungen machten den zögernden Gang des sich Sträubenden zum immer raschern Doppelschritte.

Es war am 14. November 1711, als Lips Tullian auf einem Wagen geschlossen, von einem Husaren-Commando umgeben, auf dem Festungsbaue zu Dresden ankam, und in dem Gefängnisse, die Mohrenkammer genannt, mit Fuß- und Handketten, mit Hals- und Leibring angeschmiedet wurde.

Im Laufe eines Jahres hatte er fünfmal die Tortur erduldet, ohne irgend ein Verbrechen bekannt zu haben. Als er eines Tages in das Verhörzimmer geführt wurde, starrte er auf der Schwelle mit heftigem Erschrecken zurück.

„Haben sich die Gräber aufgethan und ihre Beute ausgeworfen?“ stöhnte er mit bleichen Lippen, und streckte die zitternden Arme gerade aus, gleichsam von sich abwehrend die grauenvollen Gestalten, aus deren todtbleichen Gesichtern ihm gräßliche Erinnerungen wie quälende Gespenster entgegentraten. Sarberg, Eckold, Lehmann, Schöneck, Schickel und Hentzschel hatte er in jenem wilden Kampfe mit der rebellischen Bande leblos an seiner Seite niederstürzen gesehen, und jetzt standen sie ihm gegenüber, jetzt riefen sie ihm Gruß und Namen entgegen.

Es währte lange, bis er sich wieder gesammelt, bis er sich überzeugt hatte, daß sich das Reich der Todten geöffnet habe, daß es Lebende seien, deren Nähe ihn wie Leichengeruch anwidere. Aber als der Richter ihm nun sagte, eben diese Männer haben reuemüthig gestanden, was sie und Lips Tullian, ihr Hauptmann, gethan; als er hörte, daß seine vertrautesten Freunde zu seinen Anklägern, zu seinen Verderbern geworden seien, da durchbohrte er die Verräther mit tödtenden Blicken, da schüttelte er grimmig seine Ketten.

„Ich will bekennen, was ich gethan, aber diese Schurken sollen nicht die Früchte ihres Verrathes, ihrer Heuchelei, ihrer erbärmlichen Schwäche genießen. Und wenn das Erbarmen des Fürsten auch schon eine Gnadenschranke von Erz um ihr Leben gezogen hat, so reißen meine Geständnisse diese Schranke nieder, und jauchzend schleppe ich diese Räuber und Mörder auf das Blutgerüst!“ — So brüllte Philipp dem Richter zu, und mit des Hohnes und der Verachtung eisiger Kälte blickte er auf die todtbleichen Gestalten hin. —