„Wie meint Ihr das, Veit?“
„Nun, sobald ein Dieb gehängt oder mit dem Schwerte hingerichtet oder gerädert wird und wie sonst noch solche sanfte Hinüberspeditionen in jene Welt die Namen führen, so schneidet der, welcher sich jene Kunst, sich unsichtbar zu machen, aneignen will, einen Finger von dem Hingerichteten heimlich ab, trägt ihn jederzeit bei sich und dann wird ihn nicht leicht ein Häscher oder Soldat in seine Gewalt bekommen!“
„Dummer Unsinn das!“ meinte ein junger Mann, dessen Kleidung sogleich den Fremden verrieth. „Kein Diebsfinger, sondern Kühnheit, Muth und Schlauheit — das sind die Talismane, welche die Räuber besitzen und die ihnen in den schwierigsten Fällen durchhelfen!“
Es entstand nun darüber ein Streit, bis der Fremde, den dieses Gezänke auf die Länge der Zeit langweilte, sich verabschiedete und die Schenke verließ, um ruhig seinen Weg weiter fortzusetzen.
Betrachten wir den Fremden etwas näher; er war ein hochgewachsener, schöner, noch jugendlicher Mann, dem man Kraft, Gewandtheit und Schlauheit sogleich auf den ersten Blick ansah; er trug die Kleidung eines polnischen Cavaliers und sein Aeußeres ließ auf Wohlhabenheit schließen.
Als er seines Weges ruhig dahinzog, war sein Inneres jedoch keinesweges so ruhig, wie es wohl den Anschein haben mochte, vielmehr war dasselbe in höchster Aufregung und er meinte vor sich hin: „So wäre ich also am Ziele und bald beginnt meine neue Laufbahn! Die Menschen haben mich gemißhandelt, haben mir mein Liebstes auf der Welt, meine theure, angebetete Jumelle, schändlicherweise mit Gewalt entrissen, haben mich gleich einem Verbrecher in Ketten und Banden geworfen und mich hilflos wieder in die Welt hinausgestoßen — dafür sollen sie mir büßen, an der ganzen Menschheit, die ich hasse mit aller Gluth meiner starken Seele, will ich mich rächen, niemanden will ich mehr schonen, Mord und Raub sollen nun meine Begleiter sein und Furcht und Entsetzen vor mir hergehen. Ja, es ist fest beschlossen, ich werde ein Räuber, und nicht umsonst habe ich in meiner Jugend alle Diebeskniffe und Raubgeschicklichkeiten gelernt, ich werde sie nun brauchen können; das Schicksal hat mich einmal dazu bestimmt, und Niemand kann seinem Schicksale entrinnen! Wohlan, ich nehme den Fehdehandschuh des Schicksals auf; wie es mich von meiner Geburt an schon hilflos in die Welt gestoßen und mit Unglück verfolgt hat, will ich Tausende, und wen nur mein Arm zu erreichen vermag, auch unglücklich machen, sie ihrer Habe berauben und hilflos in die Welt verstoßen. Kein Erbarmen und Mitleid soll meine Seele mehr kennen, das sind nur alberne Herzenskitzelungen, und Schwachheiten, deren sich ein richtiger Mann schämen muß, Tugend und Ehrbarkeit sind nur leere Truggebilde, eitle Hirngespinste von Thoren, die es im Leben nie zu etwas Ordentlichem bringen werden!“
So sprach er noch lange vor sich hin und bekräftigte sich immer mehr in seinem einmal gefaßten Entschlusse, ein Räuber zu werden.
Er war ein unglücklicher, mit der Welt zerfallener junger Mann, den sein guter Engel verlassen, den die Bosheit der Menschen von dem schönsten Höhepunkte eines tugendhaften, friedevollen und beglückten Lebens hinabgestoßen in die grauenvolle Tiefe des Hasses, der Rachsucht und der Raserei, und von dem Satan beim Schopfe gefaßt, den gräßlichen Schwur jetzt that, die Tugend, die Menschlichkeit von sich zu schütteln und nur der Befriedigung roher Lüste, dem Raube und dem Morde mit allen schönen Kräften seines reich ausgestatteten Geistes und Körpers anzugehören. Aus seiner Tasche zog er einen Beutel hervor, worinnen blankes Gold glänzte, und die Schwere und Größe der Börse verriethen einen solchen reichen Inhalt, daß er gewiß lange davon hätte anständig leben können, wenigstens so lange, bis er sich einen passenden Nahrungszweig errungen.
Aber mit Verachtung blickte er auf das schöne und viele Gold. „Verdammtes Sündengeld, das mir meine Schmach abkaufen und mein zerrissenes Herz heilen sollte, dich mag ich nicht, du brennst mir wie glühendes Feuer in den Händen! Hinweg mit dir, damit dich nie mehr meine Augen sehen!“ Und mit diesen Worten schleuderte er die goldgefüllte Börse in den an dem Wege vorbeifließenden Bach.
„Ja, Gold,“ sagte er dann wieder, „nach dir habe ich wohl einen brennenden Durst, aber nur, weil ich mit dir machen kann, was ich will und du mir das Mittel bist, alle meine Lüste und Leidenschaften zu befriedigen; für dich ist alles feil: Tugend, Schönheit und Unschuld, ja selbst die Seligkeit, wenigstens auf Erden hier! Aber dieses Gold mag ich nicht geschenkt erhalten, ich will mir es verdienen, mit der Faust mir es rauben, wo ich es finde, und ich bin der Mann dazu, daß mir nicht leicht Jemand entgehen soll, auf den ich es einmal abgesehen habe!“