Des Fremden Eintritt machte das Jauchzen und die Begrüßungen und die Fragen plötzlich verstummen. Als aber Wenzel der Bande den Fremdling als einen Gesellen ankündigte, und als er erzählte, wie der neue Geselle den Liebensteiner, ihren Todfeind, auf freier Straße am hellen Morgen erschlagen, und wie er sich im traulichen Gespräche und in der Erzählung seines Jugendlebens als den tuftesten Chochem, Ganof und Chasnemalochner[4] genügend beurkundet habe, da ward der Jubel zum betäubenden Gebrülle, der Fremde an die Tafel gezogen, eine große Kanne Wein ihm vorgesetzt, und er mußte mit Allen auf treueste Brüderschaft anstoßen.
Eine Dirne, deren Buhle vor Kurzem auf dem Rabensteine vollendet hatte, trug sich ihm gleich mit aller Frechheit zur Nafkine[5] an, und er war schon so tief gesunken, daß er nicht mehr seiner Jumello dachte, daß er mit schamloser Lust solch einer Verworfenen sich hingab.
L. Oeser in Neusalza.
Die Räuberhöhle.
Wenzel ließ nun die Männer einen Kreis um sich und den neuen Genossen schließen. Es herrschte die tiefste Stille. Der Fremde wurde aufgefordert, der Bande den Eid der Treue zu schwören. Er schwor einen gräßlichen Eid. Am Schlusse des Eides streifte Wenzel den linken Aermel seines Rockes zurück, ritzte sich mit der scharfen Spitze seines Messers eine Ader, fing das Blut in die Hirnschale eines Todtenschädels auf, und der neue Räuber leerte den grauenvollen Becher, seinen Eid und seine Treue durch den Bluttrunk bekräftigend. —
In der Bande war eingeführt, daß jedes Mitglied einen Namen führe, den ihm die Bande gebe. Der Fremde erbat die Begünstigung, von nun an Lips Tullian genannt zu werden, da er schon in seiner Kindheit von einem Tullian gehört habe, der vor zwei Jahrhunderten als gefürchteter Räuber und Mörder in Ungarn und Slavonien gelebt hatte. Einstimmig wurde ihm dieser Name gegeben.
Nun ging es zum Mahle, zum Zechen und Schwelgen, und als Lips Tullian das Geld, um welches ihm der eben gegenwärtige Haupt-Baldoverer[6] der Bande, ein Jude, des Liebensteiners Roß abgekauft hatte, der Gesellschaft zum Ankaufe von Branntwein überließ, hatte er sich gleich Alle zu den innigsten Freunden gemacht. —
[3] „Hier führe ich unserer Gesellschaft den wackersten Kameraden zu!“