Kehrt, wer einmal bös gethan
Ewig seinen Sinn zum Bösen.
Müllner.
Lips Tullian schwelgte mit seinen neuen Genossen bis spät in die Nacht hinein. An der Seite der schönen Lene, seiner neuen Zuhälterin, erwachte er am andern Morgen. Der Kopf war ihm wüste, es brannte ihm wie Feuer im Gehirn, und er befand sich in einer höchst unangenehmen, widerlichen Stimmung. Noch einmal wachte sein besseres Selbst in ihm auf und zeigte ihm den Abgrund, in den er rettungslos versinken mußte, wenn er die eben betretene Bahn fortschreiten wollte. Aber mit Gewalt unterdrückte er die Stimme in seinem Innern, die ihn unablässig zur Umkehr mahnte, er konnte ja auch nicht mehr zurück, denn er hatte ja seine Laufbahn mit einem Raubmorde begonnen.
In den Armen der schönen Lene vergaß er bald seine üble Stimmung und so übertäubte er den letzten Funken seines besseren Gefühls.
Diese Räuberbande war die verwegenste in ganz Schlesien; von ihrem sicheren, nicht leicht auffindbaren Verstecke im Trebnitzer Waldgebirge aus verbreitete sie weithin Furcht und Entsetzen. Raub, Mord und Brandstiftung gehörten zur Tagesordnung. Vergeblich bemühten sich die Behörden, diesem Treiben zu steuern, ihr Arm war zu schwach dazu, denn wenn es ihnen auch nicht selten gelang, einzelne Mitglieder dieser Räuberbande einzufangen, so wurden diese entweder von ihren Genossen wieder befreit oder fanden selber Mittel und Wege, aus ihrem Gefängnisse wieder auszubrechen, oder wurden gehängt; ein Geständniß hinsichtlich des Aufenthaltsortes der Räuber war nicht auszumitteln, und so lange die Räuberhöhle nicht ausgemittelt wurde, blieben alle Anstrengungen der Behörden, dem Unwesen der Räuber zu steuern, fruchtlos. Vergeblich setzten jene einen hohen Preis auf die Entdeckung dieser Raubhöhle und auf den Kopf jedes Räubers, diese verlachten und verspotteten ihre Versuche und Drohungen nur und antworteten auf solche gewöhnlich durch einen neuen, höchst verwegenen Einbruch auf einem festen Schlosse oder in einem wohlverwahrten Gefängnisse.
Lips Tullian befand sich bei solchem Treiben ganz in seinem Elemente, er wurde schnell der Kühnste und Verwegenste, sowie auch der Schlaueste der ganzen Bande und galt bald ebensoviel, wo nicht noch mehr als der schwarze Wenzel selbst. Schon durch die Ermordung des Herrn von Liebenstein hatte er sich in großes Ansehen bei der Bande gesetzt, denn dieser war, wie schon erwähnt, ihr gefährlichster und gefürchtetster Verfolger, der unablässig ihnen auf den Fersen war und Tag und Nacht nicht ruhte, wenn es galt ihnen zu schaden oder einen von ihnen einzufangen. Er hatte auch schon eine nicht unbedeutende Anzahl von ihnen unter Galgen und Rad geliefert. — Was er mit seinem Ritt ohne alle Begleitung damals beabsichtigt haben mochte, war schwer zu rathen, sicherlich irgend einen geheimen Anschlag auf die Bande; um so erfreulicher und erwünschter mußte dieser dessen Tod sein und eben darum auch der Mörder dieses ihres rastlosen Verfolger bei ihnen in großem Ansehen und Ehren stehen.
Ueber zwei Jahre trieb die Bande seit dem Eintritte Lips Tullians in dieselbe ihr Wesen in dieser Gegend fort und zwar mit noch größerer Verwegenheit und Frechheit wie früher; bald war der Name Lips Tullian eben so gefürchtet und berüchtigt, wie der des schwarzen Wenzels, ja noch mehr; und Lips Tullian konnte als der eigentliche Anführer der Räuber gelten, denn er genoß nach und nach ein noch größeres Ansehen bei seinen Raubgenossen, als der wirkliche Hauptmann, der schwarze Wenzel.
War dieser auch bisher seiner zahlreichen Genossenschaft an Schlauheit zur Auffindung ergiebiger Raubgeschäfte und an Muth in der Ausführung gefährlicher Entwürfe überlegen gewesen, so machte er doch bald die widrige Bemerkung, daß Lips Tullian in jeder Räuberbeziehung sein Meister, und die Bande diesem Meister immer mehr gehorchend, immer anhänglicher sei.
Eifersüchtig auf die Macht, die er schon seit Jahren über seine Kameraden ausgeübt hatte, zu stolz, zu herrschbegierig, einen Nebenbuhler seines Ansehens, noch viel weniger einen Gebieter zu dulden, erschöpfte er sich in Entwürfen, dessen Ansehen bei der Bande zu vernichten, oder, wenn das nicht gelinge, ihn auf unentdeckbare Weise aus dem Wege zu räumen.