Um das gehörig aufzufassen, was das entsetzliche Weib thun wollte, hatte sich Samuel schon zu sehr um seine Sinne getrunken. Mit geschäftiger Hand packte Catharina die armseligen Reste des frühern Ueberflusses in zwei Säcke, und Samuel, dem sie zu seiner Ermunterung ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet hatte, hockte die Säcke auf und taumelte zum Hause hinaus.
Schon war er eine Strecke gegangen, als er seine Mutter vermißte. Er wandte sich zurück, da sah er am Scheuerdache ein Flämmchen aufschlagen; das Flämmchen wurde zur Flamme, zum prasselnden Feuer. Mit unwillkürlichem Schauder blickte der Ernüchterte auf das lichterloh brennende Haus hin. — „Hilfe! um Gotteswillen Hilfe!“ tönte ihm das gellende Gekreisch seiner Mutter entgegen, die am Fenster des obern Geschosses die Hände nach ihm ausstreckte. Samuel warf die Säcke ab und stürzte dem Hause zu. In vollen Flammen stand die Treppe; nur ein Sprung aus dem Fenster konnte die Mutter retten. Er rief ihr zu, es zu thun; sie hatte nicht den Muth dazu, bis die Flamme die Stube ergriff. Jetzt wagte sie den Sprung. Ihre Stunde hatte geschlagen. Mit zerschmettertem Kopfe röchelte die Mordbrennerin zu ihres Sohnes Füßen das verbrecherische Leben aus.
Wie von allen Geistern der Hölle verfolgt, floh Samuel über Felder, Wiesen, durch Sümpfe dahin, bis er ohne Bewußtsein niederstürzte.
Von einer kräftigen Faust zum Leben aufgerüttelt, sah sich Samuel in einer ganz unbekannten Gegend und einem Manne gegenüber, dessen geschwärzte Gestalt und der schwere Hebebaum auf den breiten Schultern ihm den Kohlenbrenner verkündigten. Als Samuel sich mit Mühe gesammelt hatte, folgte er dem Köhler, der, ohne nach seinen Verhältnissen zu fragen, ihn zu einem Morgenimbiß in seine nahe Hütte einlud.
Auf dem Wege dahin überzeugte sich Samuel, daß er in seinem überreizten Gemüthszustande einen Weg von mehreren Meilen zurückgelegt haben müsse, da der Köhler und sein Weib von einem Orte, der Schönfeld heiße, nicht das Mindeste wußten.
Kaum hatte Samuel einige Bissen genossen, als er sich so ermattet fühlte, daß er vom Stuhle sank. Der Köhler und sein Weib schleppten ihn nach einer Kammer auf eine Strohschütte, wo er schon nach einigen Augenblicken im tiefen Schlafe lag. Es war schon Nacht, als er erwachte. Aus der Tiefe scholl ihm Gemurmel und Gläsergeklirre dumpf entgegen. Neugierig, was da unter ihm vorgehe, kroch er in der Kammer umher, hörte in einer Ecke das Geräusch aus der Tiefe viel deutlicher und fand nach sorgfältigem Suchen in der Bodendiele einen beweglichen Pflock. Leise zog er diesen in die Höhe, ein Lichtstrahl drang ihm entgegen, und er sah durch die Oeffnung an einem Tische seinen Hauswirth mit fünf Männern und drei Weibspersonen essen und zechen. Das Aussehen der Männer, die schamlose Kleidung, die frechen Gebehrden der Dirnen, da und dort aufgehangene Waffen und zwei große Fanghunde, die an den zugeworfenen Knochen nagten, überzeugten ihn auf den ersten Blick, daß dieses unterirdische Gemach die Zechbude einer Räuberbande sei.
Jedes Wort vernahm er nun deutlich, und das Blut stockte ihm in den Adern, als er den Köhler zu seiner Genossenschaft sagen hörte: „Es bleibt also dabei, daß wir den fremden Kerl todtschlagen. Ohne Zweifel ist er ein Fleischmann[7], deren jetzt viele zum Verderben der tuften Tschoren[8] umherlauern. Entrinnen kann er nicht, also frisch hinauf und den Hund todtgeschlagen, so haben wir nichts mehr zu befürchten!“
Der Schrecken, die Angst schufen in Samuel einen raschen Entschluß. — „Was nützt Euch mein Tod?“ — rief er durch die Oeffnung der Gesellschaft zu — „während Ihr von meinem Leben gewiß Vortheil ziehen könnt. Nehmt mich in Eure Kameradschaft auf, und Ihr sollt es nie bereuen, mich zu Eurem Gefährten gemacht zu haben!“ —
Ueberrascht blickten alle nach Oben. Sie flüsterten zusammen. Der Köhler holte Samuel in die Versammlung. Er schwur den Eid der Treue und ward ein Mitglied der Räuberbande.